Politik

Digitalisierung in der EZ: Historische Chance für die Nachhaltigkeitsziele

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Digitale Technologien sind beinahe allgegenwärtig. Bei hoher Innovationsgeschwindigkeit werden immer mehr Bereiche im Privatleben, in der Zivilgesellschaft, in der Politik oder in der Arbeitswelt von ihnen durchdrungen und verändert. In einigen Fällen ist das praktisch und spannend. In anderen schafft es neue gesellschaftliche oder ökologische Probleme. Dieser Veränderungsprozess macht auch vor der Entwicklungszusammenarbeit nicht halt.

Dr. Andreas FPassbild Foersteroerster, Leiter des Referats Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), bewertet im Interview die Potenziale und Risiken, die durch den digitalen Wandel unserer Welt entstehen.

Frage: Unter welchem Blickwinkel betrachten Sie das Thema Digitalisierung im BMZ?

Dr. Andreas Foerster: Trotz mancher Herausforderungen: Die Digitalisierung birgt in sich die historische Chance, zum Erreichen der ehrgeizigen Ziele der Agenda 2030 beizutragen. Ohne den Einsatz digitaler Lösungen können viele der 17 Nachhaltigkeitsziele nicht erreicht werden. Gerechte Digitalisierung, die den Menschen dient, kann zu mehr Transparenz, Effizienz und Teilhabe beitragen.

Deshalb wollen wir die Menschen in Entwicklungsländern, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft und die politischen Entscheidungsträger unserer Partnerländer dabei unterstützen, die Chancen des digitalen Wandels zu nutzen und kompetent Risiken zu meistern. Informations- und Kommunikations-Technologien (IKT) können dafür eingesetzt werden, um öffentliche, private und zivilgesellschaftliche Akteure besser miteinander zu vernetzen – ganz im Sinne der Agenda 2030. Auch Deutschland kann von Erfahrungen für die eigene digitale Transformation lernen, denn Partnerländer erproben bereits digitale Lösungen, wie z. B. mobile Bezahlsysteme, die in Europa noch als Novum gelten.

In welchen Bereichen sehen Sie besonders große Potenziale der Digitalisierung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung?

Das BMZ konzentriert sich im Bereich Digitalisierung zunächst auf fünf Handlungsfelder, in denen die Veränderungen der digitalen Transformation besonders weitreichend sein werden:

Erstens im Bereich Arbeit. Wir nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung für neue Jobs mit fairen Arbeitsbedingungen. Wir unterstützen beispielsweise den Aufbau der Fairwork Foundation, über die lokale Arbeitsvermittlungs-Plattformen auf die Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards geprüft werden. Sieben lokale Plattformen in Süd-Afrika, die ca. 50.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vermitteln, wollen nun ihre Standards entsprechend anpassen.

An zweiter Stelle stehen lokale Innovationen: Digitale Lösungen, die aus den Ländern selbst kommen, sind der Schlüssel für nachhaltige Entwicklungsprozesse. Wir stärken das Umfeld für die lokale IT-Industrie in unseren Partnerländern, unter anderem über Digitalzentren und die Tech-Entrepreneurship-Initiative Make-IT, die Technologie-Start-ups fördert.

Drittens bietet Digitalisierung bisher nie dagewesene Möglichkeiten für die Überwindung von Ungleichheiten – und damit für mehr Chancengleichheit. Wir werden digitale Lösungen daher auch dafür nutzen, um in Entwicklungsländern mehr „Bildung für alle“ und für mehr Menschen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu ermöglichen.

Das vierte Handlungsfeld ist die gute Regierungsführung: Mit digitalen Lösungen können auch schwache Verwaltungssysteme in kurzer Zeit Entwicklungssprünge machen. So werden wir die Blockchain-basierte TruBudget-Software nutzen, um Entwicklungsvorhaben transparent, sicher und einfach abzuwickeln. Mit dem gemeinsam mit der Deutsche Welle-Akademie entwickelten #speakup Barometer schaffen wir beispielsweise eine ganz neue Möglichkeit für Transparenz bei Regierungshandeln und Meinungsfreiheit.

Und fünftens wollen wir Daten für Entwicklung nutzen: Die Datenrevolution kommt, ob wir das wollen oder nicht. Deshalb ist unser Motto: Risiken besser beherrschen, Chancen nutzen. Über Digitalisierungszentren beraten wir unsere Partner bei der Einführung von Datenschutzgesetzen und orientieren uns dabei an der Europäischen Datenschutzgrundverordnung. Gemeinsam mit der Afrikanischen Union (AU) fördern wir verbesserte Datenerhebung, -analyse und -nutzung, damit die AU-Mitgliedsstaaten Muster besser erkennen und stabilere Grundlagen für politischen Entscheidungen haben.

Wo sehen Sie Risiken, Herausforderungen oder Gefahren für die Entwicklungszusammenarbeit, die durch die Digitalisierung unserer Welt entstehen?

Bereits heute ist die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Entwicklungsländern sehr hoch. Aber selbst bestehende Arbeitsplätze sind in Gefahr: Durch digital getriebene Automatisierung könnten bis zu zwei Drittel aller jetzigen Jobs in Entwicklungsländern verschwinden. Digitalisierung ohne staatliche Rahmensetzung kann den informellen Sektor vergrößern und mehr prekäre, statt vertraglich geregelte und sozial abgesicherte Arbeit schaffen. Wir müssen deshalb alles daran setzen, die Rahmenbedingungen für faires, nachhaltiges und inklusives Wirtschaftswachstum zu schaffen.

Für eine solche moderne Wirtschaftsentwicklung braucht es Erfindergeist, aber weniger als ein Prozent aller Patentanmeldungen stammen aus den am wenigsten entwickelten Ländern. Dabei lebt dort eine wissbegierige Jugend mit einem großen Potenzial für kreative Lösungen. Wenn es uns nicht gelingt, dieses Potenzial zu heben, damit in den Ländern selbst innovative Lösungen für die Herausforderungen entstehen, werden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen armen und reichen Ländern weiter zementiert – und die digitale Kluft wird noch größer: Denn weltweit hat immer noch knapp die Hälfte aller Menschen keinen Zugang zum Internet. In Afrika ist sogar nur ein Drittel der Menschen online, obwohl sich in den letzten Jahren die Zahl der Internetnutzerinnen und Internetnutzer verdreifacht hat. Und Frauen sind häufiger offline als Männer – weltweit nutzen ca. zwölf Prozent weniger Frauen als Männer das Internet. Die digitale Kluft trifft Frauen also noch einmal stärker.

Und statt für mehr Transparenz und Demokratie nutzen autoritäre Regime das Internet, um die Zivilgesellschaft zu überwachen, Falschmeldungen zu verbreiten und freie Informationen im Netz zu unterdrücken. Gerade im digitalen Zeitalter braucht es deshalb einen starken Rechtsstaat mit einer starken Zivilgesellschaft.

Und schließlich: Die durch die Digitalisierung anfallenden Daten geben Aufschluss über Vorlieben, sozialen Status, finanzielle Leistungsfähigkeit, Bewegungsprofil, Konsumverhalten oder Gesundheit einzelner Menschen und ganzer Bevölkerungsgruppen und können somit auch gegen sie verwendet werden. Viel zu oft ist unklar, was mit persönlichen Daten geschieht. In Afrika haben weniger als ein Drittel aller Staaten ein Datenschutzgesetz. Vielen Menschen fehlt das Verständnis für die Risiken von Datenmissbrauch. Die Rechte auf Meinungsfreiheit und Privatsphäre im Netz müssen deshalb wesentlich umfassender als bisher geschützt werden.

Was tut das BMZ, damit Digitalisierung im Sinne einer gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Welt genutzt werden kann?

Insgesamt fördert das BMZ derzeit rund 480 Projekte mit IKT-Komponenten in über 90 Ländern. Thematisch liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf Entwicklungen im Bereich Staat und Demokratie, aber auch auf den Themengebieten Wirtschaft und soziale Entwicklung. Damit hat das BMZ Digitalisierung als Querschnitts- und als Innovationsthema in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit verankert. Aber wir wollen noch weitergehen und mittelfristig bei allen neuen EZ-Maßnahmen prüfen, ob sie durch digitale Komponenten wirksamer werden können.

Viele Nichtregierungsorganisationen arbeiten bereits oder experimentieren mit digitalen Instrumenten in ihrer Arbeit. Wie kann das BMZ solche Bemühungen und gute Ansätze von Nichtregierungsorganisationen (NRO) besser unterstützen?

Die Unterstützung und Zusammenarbeit mit NRO ist ein enorm wichtiger Aspekt, wenn es um das Potenzial der Digitalisierung geht – aber auch um den verantwortungsvollen Umgang mit ihren Risiken. Bisher hält sich die Zivilgesellschaft aber mit konkreten Projektvorschlägen leider noch zurück, obwohl wir die Mittel für private Träger 2019 nochmal deutlich aufgestockt haben.

Wir verstehen aus eigener Anschauung gut, dass die Veränderungsprozesse in Organisationen – und somit auch in NRO – Zeit benötigen. Mit unserem Toolkit Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit haben wir deshalb einen praxisorientierten und anwendungsbezogenen digitalen „Werkzeugkasten“ entwickelt. Ziel des Toolkits ist es zu zeigen, wie sich digitale Instrumente für die Planung, Steuerung und Durchführung von Maßnahmen und Projekten nutzen lassen. Das Toolkit bietet eine Einstiegshilfe in das Digitalthema mit verschiedenen sektoralen und regionalen Bezügen. Wir würden uns freuen, wenn das Toolkit auch bei NRO zum Einsatz käme.


Dr. Andreas Foerster ist seit 2018 Leiter des Referats 112 (Digitalisierung in der Entwicklungszusammenarbeit) im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.