Politik

„Wir fühlen mit den Opfern von sexueller Ausbeutung und Übergriffen“

Foto Heike Spielmans 2_2017

Wie haben die Vorfälle auf Sie gewirkt?

Heike Spielmans: „Wir waren alle sehr betroffen, als wir von den Vorkommnissen erfuhren. Es ist zwar klar, dass überall dort, wo es strukturelle Machtgefälle gibt, es zu Ausbeutung und Übergriffen kommen kann. Aber es ist besonders schockierend und verabscheuungswürdig, wenn das bei Hilfsorganisationen passiert. Trotz aller Vorkehrungen kann einfach nicht hundertprozentig  ausgeschlossen werden, dass es Mitarbeitende gibt, die die professionellen und ethischen Standards missachten und ihre Machtposition ausnutzen. Dies schmerzt in unserem Arbeitsfeld besonders, wo es den Organisationen ja gerade darum geht, die Sicherheit und die Würde der Menschen in schwierigen Lebenslagen zu verbessern. Wir kämpfen gegen Armut und für globale Gerechtigkeit und es ist zutiefst frustrierend für alle Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und für unsere Unterstützerinnen und Unterstützer, dass ihre wichtige Arbeit nun öffentlich in Misskredit gerät. Das tut mir sehr leid. Aber vor allem fühlen wir mit den Opfern von Ausbeutung und Übergriffen, denen alle Unterstützung zukommen muss, die sie benötigen.“

Welche Vorkehrungen treffen Nichtregierungsorganisationen, um Machtmissbrauch und Fehlverhalten zu verhindern?

Heike Spielmans: „Viele Mitgliedsorganisationen von VENRO bemühen sich schon seit langem, Fehlverhalten von Mitarbeitenden auszuschließen. Grundlage sind interne Regelungen wie beispielsweise Verhaltenskodizes, die mögliche Problembereiche wie Korruption, Schutz von Kindern oder eben auch sexuelle Ausbeutung und Missbrauch aufgreifen. Es reicht allerdings nicht, ein schriftliches Dokument mit Regelungen zu haben. Die Standards müssen aktiv an Mitarbeitende vermittelt werden. Eine häufig genutzte Möglichkeit sind Trainings für diejenigen, die auf Auslandseinsätze vorbereitet werden. Dort wird ihnen nicht nur interkulturelle Sensibilität vermittelt, sondern sie werden  dazu angehalten, die eigene Machtposition vor Ort kritisch zu reflektieren.

Reichen gute Verhaltensregeln und Trainings aus? Es gibt ja offenbar auch Menschen, die sich daran nicht halten.

Heike Spielmans: „Auch wenn Organisationen alles dafür tun, Missbrauchsfälle auszuschließen, werden diese nicht ganz  zu verhindern sein. Daher ist es sehr wichtig, dass es klare Zuständigkeiten für Beschwerden gibt und Betroffene oder Beobachter_innen sowie Kolleg_innen wissen, wie und wo sie Verdachtsfälle melden können. Einige Organisationen haben auch neutrale Ombudsstellen geschaffen, die unbürokratisch, vertraulich und in verschiedenen Sprachen arbeiten.“

Welche Rolle spielt VENRO als Dachverband in diesem Kontext?

Heike Spielmans: „VENRO hat in den vergangenen Jahren insgesamt drei Verhaltenskodizes verabschiedet, die für alle Mitgliedsorganisationen verbindlich sind: einen Kodex zu Transparenz, Organisationsführung und Kontrolle, einen Kodex zu entwicklungsbezogener Öffentlichkeitsarbeit und einen Kodex zum Schutz von Kindern vor Missbrauch und Ausbeutung in der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe. Auch wenn es einen speziellen Verhaltenskodex zu sexueller Ausbeutung nicht gibt, wirken sich empfohlene Schutzmaßnahmen aus den anderen Kodizes generell präventiv aus – beispielsweise, wenn Organisationen bei Neueinstellungen ein polizeiliches Führungszeugnis einfordern oder dies sogar während einer längeren Beschäftigungsdauer in regelmäßigen Abständen wiederholen. In unserer Mitgliedschaft gibt es generell ein hohes professionelles Niveau bei der Auswahl und Vorbereitung von Mitarbeitenden. Und der Verband bietet zusätzlich die Möglichkeit, Erfahrungen und gute Beispiele untereinander auszutauschen. Mit Handreichungen, Fortbildungen und anderen Hilfestellungen verbessern wir kontinuierlich die Umsetzung der verbindlichen Standards.“

Halten Sie es vor dem Hintergrund der aktuellen Fälle nicht auch für nötig, mehr zu tun als in der Vergangenheit? 

Heike Spielmans: „Dazu tauschen wir uns gerade im Verband intensiv aus. Wir werden prüfen, ob wir einen weiteren Kodex entwickeln oder die bestehenden Kodizes ergänzen, so dass sexuelle Ausbeutung expliziter angesprochen wird. Unabhängig davon werden wir unsere Fortbildungsangebote erweitern und bewährte Verfahren und Instrumente verbreiten. Wir brauchen aber auch einen Bewusstseinswandel in allen gesellschaftlichen Bereichen, denn das Problem ist ja überhaupt kein spezifisches in unserem Arbeitsfeld. Denjenigen, die sich übergriffig verhalten, muss beispielsweise bei sexueller Belästigung viel früher die rote Karte gezeigt werden. Die betroffenen Organisationen sollten vor allem Transparenz herstellen und bekannt werdende Fälle konsequent sanktionieren. Nur so bewahren wir das Vertrauen von denjenigen, die unsere Hilfe so dringend brauchen und von denen, die unsere Arbeit unterstützen. Ich denke, dass uns das gelingen wird.“