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„Business in times of crisis“: Zivilgesellschaft diskutiert Trends für die Zukunft der EZ

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Irgendwo zwischen Brexit, Trump-Wahl und Syrienkrieg traf sich die internationale Zivilgesellschaft in London, um über Visionen und innovative Ideen in der Entwicklungszusammenarbeit zu sprechen. Eine Krisenstimmung im Gastgeberland war deutlich bemerkbar: Die britischen Zivilgesellschaft fühlt sich eingeengt – und zieht für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Maßnahmen in Betracht.

„Civil Society is being scrutinized in Britain“ („die Zivilgesellschaft in Großbritannien wird hinterfragt“) war der gefühlt meistgehörte Satz während der zweitägigen internationalen Konferenz, die am 20. und 21. März in London von BOND, dem britischen Verband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (NRO) ausgerichtet wurde. Ob von staatlicher Seite (durch Drohungen, regierungskritischen NRO in Großbritannien die Unterstützung zu entziehen) oder von der Boulevardpresse, die regelmäßig die Entwicklungszusammenarbeit ins Visier ihrer Kritik nimmt – die britische Zivilgesellschaft fühlt sich stark verunsichert.

Die BOND-Konferenz ist die größte entwicklungspolitische Konferenz Europas. Anwesend waren über 1.000 Vertreter_innen der internationalen – wenngleich überwiegend britischen – Zivilgesellschaft. Der Fokus der diesjährigen Veranstaltung lag auf Trends und Ideen, die unsere Zukunft, unseren Sektor und unsere Arbeit mitgestalten werden.

Zivilgesellschaft unter Beschuss: Allianzen für die Zukunft bilden!

Die konservative britische Entwicklungsministerin Priti Patel betonte in ihrer Eröffnungsrede, dass die Zivilgesellschaft „mit einer Stimme“ über ihre Wirkungen kommunizieren müsse, weil sie vermehrt auf dem Prüfstand stünde. Der Öffentlichkeit müsse erklärt werden, dass Entwicklungszusammenarbeit im nationalen Interesse liege.

Auch der designierte UNDP-Chef Achim Steiner von der Oxford Martin School gab in seiner Anssprache zu Bedenken, dass unser Sektor unter Beschuss stünde und die britische Zivilgesellschaft dem öffentlichen Diskurs über ihr Engagement begegnen müsse. Wir stünden an einem besonderen Punkt in der Geschichte. Einerseits seien erstmals große globale Erfolge wie die Agenda 2030 oder die Paris-Erklärung erreicht worden, andererseits habe man etwa beim Thema Syrien oder dem Zerfall der Europäischen Union brutal versagt. In den nächsten Jahren müssten wir uns darauf fokussieren, Allianzen zu bilden und uns auf die verbindenden Faktoren („Connectors“) anstatt auf die uns voneinander trennenden Faktoren („Dividers“) konzentrieren.

Offener Umgang mit dem privaten Sektor

Neben weiteren Grundsatzreden renommierter Persönlichkeiten und Politiker der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) sowie einer Vielzahl von Workshops präsentierten sich gemeinnützige, aber auch gewinnorientierte Organisationen im Foyer. Vertreten waren dort ebenso kleinere globale Initiativen wie auch Firmen für Personalressourcenmanagement oder Sicherheitsmanagement – ein für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlicher Vorgang. Dass die britische Zivilgesellschaft einen anderen Zugang zum Privatsektor hat, wurde hier physisch verdeutlicht.

Die insgesamt 25 Konferenzworkshops wurden fünf Strängen zugeordnet: „inspire“ (inspirieren), „invest“ (investieren), „innovate“ (Neuerungen einführen), „influence“ (beeinflussen) und „impact“ (Wirkung). Da die Veranstaltungen parallel stattfanden, konnte ich maximal an fünf Workshops teilnehmen. Diese legten alle einen Fokus auf Inputs der Panelisten, nicht auf Interaktion zwischen den Teilnehmenden. So lässt sich im Nachhinein schwer einschätzen wie unsere britischen Kolleg_innen tatsächlich zu einigen der kritischen Themen stehen, die ich im Folgenden nenne.

Handlungsstrategien gegen die Anti-Aid Narrative

Wiederkehrende Themen im ersten Workshop mit dem Titel „The aid question and what it means for NGO leadership“ waren (1) der Bedarf für eine stärkere Kooperationen innerhalb der Zivilgesellschaft, aber auch mit dem Privatsektor, (2) die Notwendigkeit, stärker über Wirkungen zu kommunizieren und (3) „Value for Money“ als Richtwert in der Arbeit britischer NRO.

Es war interessant zu sehen, wie sehr sich die britische Zivilgesellschaft eingeschüchtert sieht, bzw. wie sie vom EZ-kritischen Diskurs („Anti-Aid Narrative“) von Medien und Regierung betroffen ist. Momentan sucht sie nach Handlungsstrategien. Neue Allianzen innerhalb der Zivilgesellschaft (einschließlich gemeinsamer Kommunikationsstrategien), aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren wie der Privatwirtschaft und philanthropischen Organisationen, werden als ein Weg gesehen, diesen Herausforderungen zu begegnen.

Finanzierungsmöglichkeiten für NRO

In meinem zweiten Workshop zum Thema „Beyond grants“ wurden verschiedene Finanzierungsmodelle für NRO vorgestellt. BOND-Trainerin Haniya Dar-Tobin hielt einen Vortrag über „Commercial Contracts“ – ein Thema, das bei britischen Verbandsmitglieder in den letzten Jahren auf erhöhtes Interesse gestoßen ist. „Commercial Contracts“ sind ergebnisgebunden, d.h. eine Zahlung erfolgt nur bei Erbringung der vertraglich festgelegten Leistungen. Dar-Tobin wies in diesem Zusammenhang auf Risiken im Verhandlungsprozess hin; zudem müsse man damit rechnen, dass nur jede dritte Ausschreibung erfolgreich ist. NRO müssten daher hohe Personalkosten für den Angebotsprozess einberechnen. Die Referentin schätzte die Investition auf ca. 160.000 Euro. Sie empfahl NRO, für die „Commercial Contracts“ neu sind, zunächst Kooperationen mit größeren Organisationen einzugehen, bei denen die erfahrenere NRO Angebote einreicht und dann einen Untervertrag mit der kleineren bzw. unerfahrenen NRO abzuschließt. Falls das nicht klappt, könnten NRO auch über Kooperationen mit dem Privatsektor bzw. mit US-Firmen nachdenken, die öfter derartige Ausschreibungen gewinnen.

Ein großer Unterschied zu deutschen NRO liegt sicherlich im Umgang mit Privatsektor-Kooperationen. Dieses Modell scheint in Großbritannien viel akzeptierter und weniger kritisch gesehen zu werden. Es wird vielmehr der Mehrwert betont, den unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten aufweisen. Diese Ansätze könnten auch für den VENRO-Arbeitsprozess zur Zusammenarbeit mit der Wirtschaft interessant sein.

Neue Geschäftsmodelle und Pilotprojekte

Der praxisorienterte Workshop „Reinventing your business model“ bot einen Einblick in die Trainings von Ian Gray. Im Vordergrund stand eine Übung mit dem Instrument „Business Model Canvas“, das auch NRO verwenden könnten, um ihr Geschäftsmodell zu erarbeiten. Im Fokus stehen dabei Fragen wie „Was bieten wir an (Value Proposition)?“, „Wer sind unsere Kunden?“ oder „Wie finanzieren wir uns?“. Eine Vorlage des Business Model Canvas finden sie hier.

Dan McClure verdeutlichte in meinem vierten Workshop „Success at Scale“, wie einfach Pilotprojekte („small bunnies“) zunächst entwickelt werden können, aber wie schwer es im weiteren Verlauf ist, Erfolgsergebnisse und Wirkungen so zu übertragen, dass sie sich in der Breite wiederfinden können. Die interessanteste Erkenntnis aus diesem Workshop war, dass Scaling-up-Prozesse, ebenso wie Change-Prozesse, auf sehr viel Resistenz innerhalb von Organisationen stoßen und deshalb nicht leicht durchführbar sind. Sofern man sich für einen Scaling-up-Prozess entscheidet, sollte dieser daher gut geplant sein und die Mitarbeitenden „mitnehmen“.

Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft

Der letzte Workshop „Collaborating for change“ befasste sich mit Kooperationsmöglichkeiten im privaten Sektor. Aufgrund der Vielzahl der Panelisten beinhaltete diese Veranstaltung keine Fragerunde. Es hätte mich jedoch interessiert, inwieweit die Teilnehmenden gewisse Aspekte als kritisch bewertet hätten, bspw. die Besetzung eines Alkoholanbieters auf dem Panel. Dass dies nicht einmal zum Thema gemacht wurde, hat mich gewundert. Der Workshop zeigte einmal mehr sehr deutlich, dass der Umgang mit der Privatwirtschaft sehr offen und weniger kritisch ist als in Deutschland.

„Business in times of crisis“

Beenden möchte ich diesen Bericht mit einem kurzen Exkurs zum Titel: Die britische Zivilgesellschaft fühlt sich eingeengt. Es wird gleichzeitig deutlich, dass ihr Weg aus dieser Krise eine Orientierung hin zu neuen Finanzierungsmöglichkeiten und vermehrter Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft und anderen Akteuren zu sein scheint. Ich hoffe, dass uns als Zivilgesellschaft in Deutschland diese Krisenstimmung vorenthalten bleibt.


Hier befindet sich der Link zum detaillierten Konferenzprogramm.

Fotos der Veranstaltung können Sie hier einsehen.