Politik

Humanitäre Hilfe auf den Philippinen: Wie starke Gemeinden den Klimarisiken trotzen

Unsere Autorin mit Mitarbeitenden der Caritas Diocese Libmanan

Naturkatastrophen gehören auf den Philippinen zum Alltag. Wie vorausschauende humanitäre Hilfe gelingen kann, zeigte sich unserer Mitarbeiterin Sina Feil bei einem Besuch vor Ort. Dabei wurde deutlich: Wirksamer Katastrophenschutz beginnt in den Gemeinden und lebt von politischer Verantwortung, lokaler Vorsorge und konsequenter Teilhabe.

Taifune, Überschwemmungen und Erdbeben prägen den Alltag vieler Menschen auf den Philippinen. Wie können Gemeinden sich besser auf kommende Katastrophen vorbereiten und wer wird dabei oft übersehen? Im Rahmen meines Projektbesuchs, den ich gemeinsam mit Projektpartnern von Caritas International in der Regionen Camarines Sur und Catanduanes absolviert hatte, zeigte sich: Katastrophenschutz für alle gelingt nur, wenn ältere Menschen, Frauen und Menschen mit Behinderungen systematisch einbezogen werden.

Wie die Katastrophenvorsorge in Camarines Sur politisch verankert ist

In der Provinz Camarines Sur unterstützt die Caritas Diocese Libmanan (CDL) ein Programm zur Stärkung der Katastrophenvorsorge (Disaster Risk Reduction Management, DRRM). Die Region ist häufig von Taifunen und Überschwemmungen betroffen, vorausschauende humanitäre Hilfe ist daher zentral. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind katholisch, daher hat die Kirche als gesellschaftlicher Akteur eine besondere Rolle und einen guten Zugang zu den Entscheidungsträger_innen.

Das Bild zeigt ein Transportfahrzeug auf Schienen vor einem Wald.
Transport über Gleise – kritische Verbindung für abgelegene Gemeinden

Ein Schwerpunkt des Projekts ist die Beteiligung vulnerabler Gruppen – insbesondere ältere Menschen, Frauen und Menschen mit Behinderungen – durch Mandatierte der Gruppen in lokalen DRRM-Entscheidungsgremien. Dazu werden im Projekt Workshops, Trainings und strukturierte Beteiligungsprozesse gefördert, um die Stimme derjenigen, deren Bedürfnisse in Krisensituationen oft nicht berücksichtigt werden, zu stärken.

In der Region gibt es abgelegene Gemeinden, die nicht durch eine Straße erreicht werden können. Kleine Schienenfahrzeuge auf vorhandenen Gleisabschnitten sowie Züge, die nur ein- bis zweimal täglich fahren, sind dort oft die einzige Verbindung in die Region. Für das Katastrophenrisikomanagement bedeutet dies, dass logistische Vorsorgeprozesse bereits vor einer Katastrophe geplant sein müssen – etwa mit lokalen Lagern und alternativen Evakuierungswegen.

Durch Veranstaltungen mit Bürgermeister_innen und anderen lokalen Entscheidungsträger_innen wird politische Verantwortung konkretisiert: Die Unterzeichnung von Verpflichtungserklärungen sorgt dafür, dass Budgets, Komitees und Aufgaben im Katastrophenschutz langfristig abgesichert werden.

Ein wichtiger Rahmen für diese Arbeit ist der Republic Act 10121 (Disaster Risk Reduction and Management Act of 2010). Er verpflichtet alle Gemeinden auf den Philippinen, mindestens fünf Prozent ihres regulären Haushalts für Katastrophenvorsorge und -management bereitzustellen.

Mehrere Menschen stehen vor einer Karte, die auf dem Boden liegt.
DRRM-Meeting in Libmanan – politische Teilhabe stärken

In der Praxis werden oft 70 Prozent für Personal, Trainings, Lagerkapazitäten, Schutzräume sowie einsatzrelevante Ausrüstung – etwa Boote für überflutete Straßen, mobile Beleuchtung oder Stromaggregate – eingesetzt. 30 Prozent sind als sofort verfügbare Mittel für Auszahlungen und die Verteilung von Hilfsgütern im Katastrophenfall reserviert. Es zeigt sich jedoch, dass Budgets teilweise in teure Spezialfahrzeuge fließen, die zwar sinnvoll sind, aber nicht immer den dringendsten Bedarfen entsprechen; gleichzeitig fehlen häufig niedrigschwellige Maßnahmen wie barrierefreie Evakuierungsorte oder einfach reparierbare Geräte in den Gemeinden.

Katastrophenrealität: Wiederaufbau auf Catanduanes

Auf der Nachbarinsel Catanduanes, die ich im Anschluss besuchte, führt der Projektpartner People’s Disaster Risk Reduction Network (PDRRN) humanitäre Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen durch. Im Fokus stehen WASH (Wasser, Sanitär, Hygiene), Notunterkünfte sowie Maßnahmen zur Sicherung der Lebensgrundlagen. Viele Häuser wurden durch wiederholte Taifune vollständig zerstört. Wiederaufbauhilfen reichen oft nur für Baumaterial, nicht jedoch für benötigtes Werkzeug.

Ergänzend sorgen geschützte Lagerräume und einfach zu reparierende Ausrüstung – etwa Reismühlen, die lokal gewartet werden können – dafür, dass betroffene Familien schnell wieder selbstbestimmt handeln können. So entsteht nicht nur kurzfristige Nothilfe, sondern auch eine langfristige Stärkung der Gemeinde.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf sicheren Sammelräumen, die im Alltag als Multi-Purpose-Halls etwa als Gemeindezentrum oder Kindertagesstätte genutzt werden. Im Katastrophenfall werden sie zu Evakuierungsorten, die alle Menschen – auch mit Einschränkungen – erreichen können müssen.

Ein fast fertiges Haus umgeben von Pflanzen, im Hintergrund Wasser.
Wiederaufbau von Häusern in Barangay San Antonio

Direkt vor der Reise wurden die Philippinen bereits durch schwere Naturereignisse getroffen. Drei aufeinanderfolgende tropische Wirbelstürme, sowie ein Erdbeben der Stärke 6,9 richteten in mehreren Provinzen erhebliche Schäden an.

Während meines Aufenthalts blieb uns ein schwerer Taifun oder ein Erdbeben zum Glück erspart, es gab lediglich Überschwemmungen und einen gewöhnlichen Sturm. Doch direkt nach meiner Abreise trafen die besuchten Projektregionen mit Taifun Kalmaegi und Taifun Fung‑wong die zwei stärksten Wirbelstürme der Saison 2025 mit sintflutartigen Regenfällen und weitreichenden Überschwemmungen. Besonders betroffen waren auch Gebiete, die ich wenige Tage zuvor besucht hatte. Die Projektpartner haben daraufhin die entsprechende Unterstützungsleistungen aktiviert und Hilfsmittel wie Essen, Wasser und Baumaterial verteilt.

Was ich aus den Philippinen mitnehme

Trotz aller Zerstörung war in allen Projektregionen vor allem eines spürbar: eine außergewöhnliche Gastfreundschaft und gegenseitige Solidarität. Viele Familien reparieren noch ihre Häuser vom letzten Sturm, während sich der nächste Taifun bereits ankündigt – dennoch prägen Hilfsbereitschaft, Zuversicht und Gemeinschaftssinn den Alltag. Diese gelebte Nächstenliebe habe ich so selten erlebt. Für mich ist klar: Die Menschen würden auch ohne Unterstützung aus dem Globalen Norden weitermachen und zusammenhalten. Doch mit internationaler Solidarität entstehen mehr Handlungsspielräume, mehr Schutz und vor allem mehr Überlebenschancen.

Das Bild zeigt eine Reismühle mit einem gelben Motor und einem roten Trichter. Die Mühle steht in einem Gebäude, zwei Männer gucken sie sich an.
WASH-Unterstützung durch Reismühle – Versorgung und Lebensunterhalt stabilisieren

Angesichts der geografischen Lage der Philippinen, die dauerhaft von Erdbeben, Taifunen sowie Phasen extremer Trockenheit und Starkregen geprägt sind, wird diese Unterstützung künftig nicht weniger, sondern immer notwendiger. Zugleich können wir aus diesen Ansätzen des Katastrophenschutzes viel lernen; um bei künftigen Krisen, die weltweit zunehmen, besser vorbereitet zu sein und Resilienz gemeinsam aufzubauen.

Ebenso deutlich wurde für mich, wie unverzichtbar die Zusammenarbeit mit regionalen Partnerorganisationen und lokalen Akteur_innen ist. Sie kennen die lokalen Dynamiken, wissen, wie Entscheidungsprozesse funktionieren und wie Projekte tatsächlich vorangebracht werden können. Ohne dieses Wissen „von innen“ wären viele Maßnahmen weder bedarfsgerecht noch nachhaltig umsetzbar.

Die Philippinen gehören weltweit zu den am stärksten von Naturereignissen bedrohten Ländern. Die beiden Projektansätze zeigen: Effektiver Katastrophenschutz entsteht dann, wenn Gemeinden selbst handlungsfähig werden und die Perspektiven vulnerabler Gruppen ernst genommen werden. Katastrophenvorsorge ist damit nicht allein eine technische oder infrastrukturelle Aufgabe, sondern auch ein soziales und politisches Thema.

Katastrophenvorsorge muss nachhaltig verankern werden

Die Erfahrungen aus Camarines Sur und Catanduanes zeigen, wie entscheidend es ist, Katastrophen nicht nur zu bewältigen, sondern ihnen zuvorzukommen. Vorausschauende humanitäre Hilfe zielt darauf ab, Menschen bereits vor dem Eintreten einer Krise zu schützen und Leid zu verhindern. Weltweit wurden 2024 in 48 Ländern 154 sogenannte Anticipatory Action Plans entwickelt, um mehr als 13 Millionen Menschen vor drohenden Gefahren zu schützen – dennoch flossen lediglich 0,7 Prozent der globalen humanitären Mittel in diesen Ansatz.

Ein gelbes-pinkes Gebäude mit Megafon auf dem Dach, umgeben von Pflanzen.
Schutzraum in der Gemeinde – inklusive Evakuierung ermöglichen

Um das volle Potenzial der Katastrophenvorsorge auszuschöpfen, braucht es strukturelle Veränderungen: den Ausbau von Multi-Hazard-Frühwarnsystemen, flexible und planbare Finanzierungsmechanismen sowie eine konsequente Lokalisierung humanitärer Hilfe – also direkte Finanzierung und echte Entscheidungsspielräume für lokale Partnerorganisationen, die Risiken und Bedarfe vor Ort am besten kennen.

Gemeinsam können wir dazu beitragen, Katastrophenvorsorge nachhaltig zu verankern: Verlässliche Finanzierung, politische Rückendeckung und eine gestärkte Zivilgesellschaft sind dafür entscheidend.


Sina Feil arbeitet in der Fördermittelverwaltung und im Fundraising bei VENRO – nahe an der Projektarbeit und ihren realen Herausforderungen. Die Reise auf die Philippinen war ihre erste Gelegenheit, Projektansätze direkt vor Ort mitzuerleben.

 

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.