Politik

Wie Vertreibungen weltweit das Recht auf Wohnen bedrohen

Blick auf die informelle Siedlung "Morro da Lua", Sao Paulo

Wohnen ist ein Menschenrecht. Dennoch verlieren Menschen weltweit ihr Zuhause – häufig im Namen von Klimaschutz, Stadtentwicklung oder wirtschaftlichen Interessen. Beispiele aus Asien, Afrika und Lateinamerika zeigen, dass besonders marginalisierte Gruppen betroffen sind. Was kann gegen Vertreibung getan werden?

Das Menschenrecht auf Wohnen ist ein grundlegender Pfeiler sozialer Gerechtigkeit und  im „Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“ festgehalten. Trotzdem bleiben Wohnrechtsverletzungen, insbesondere Vertreibungen, ein globales Problem, das Millionen von Menschen jedes Jahr betrifft. Besonders alarmierend ist, dass Vertreibungen oft mit Verweis auf notwendige Entwicklungsprojekte, Klimarisiken oder städtische Modernisierung stattfinden.

Beispiele aus Afrika, Asien und Lateinamerika zeigen die Auswirkungen von Vertreibungen für betroffene Gemeinschaften. Besonders vulnerabel sind marginalisierte Gruppen, darunter Migrant_innen, Indigene und Schwarze Bewohner_innen sowie Frauen.

Asien: Klimakrise, Mega-Events und Stadterneuerung als Treiber von Vertreibungen 

In Asien prägen vor allem städtebauliche Großprojekte und die Klimakrise das Thema Vertreibungen. Ein Beispiel sind die Philippinen, wo bestehende Gesetze zum Schutz vor Vertreibungen durch neue Regelungen, etwa zur Katastrophenvorsorge, eingeschränkt werden. Das „Flood Management Program“ bedroht allein in der Metropolregion Metro-Manila über 120.000 Haushalte informell Siedelnder – Menschen in nicht offiziell geplanten oder rechtlich anerkannten Siedlungen –, die an Flussufern und Kanälen leben. Seit 2009 wurden etwa 57.000 Familien zum Teil weit außerhalb der Stadt umgesiedelt – ohne Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie Wasser, Strom und Gesundheitsversorgung. Der „Ligtas Pinoy Center Act“ (2024), der den Bau von Evakuierungszentren in Kommunen vorschreibt, erhöht ebenfalls die Gefahr von Umsiedlungen für informell Siedelnde.

Auch Indien steht vor einer massiven Herausforderung: 17 Millionen Menschen sind aktuell von Vertreibungen bedroht. 2023 wurden über 500.000 Menschen vertrieben. Besorgniserregend ist ein Zusammenhang mit politischen Großereignissen wie dem G20-Gipfel 2023. Dabei ist besonders bedenklich, dass viele Maßnahmen auf Gerichtsbeschlüssen beruhen, was auf eine Neuinterpretation bestehender Gesetze hindeuten könnte. Die Leidtragenden sind meist arme Bevölkerungsgruppen, deren Recht auf Wohnen systematisch missachtet wird.

Afrika: Großprojekte, Konflikte und Umweltpolitik als Ursachen für Vertreibungen 

Auch in Afrika und dem Nahen Osten sind Zwangsräumungen verbreitet. Die interaktive Datenbank zu Wohn- und Landrechtsverletzungen (VDB) des Housing and Land Rights Network der Habitat International Coalition (HIC-HLRN) zeigt, dass in Ländern des anglophonen Afrikas in den letzten zehn Jahren mehr als 4,7 Millionen Menschen von 120 Vertreibungsfällen betroffen waren. Über 522.343,5 km² Landfläche gingen dabei verloren.

Im frankophonen Afrika waren 3,8 Millionen. Menschen von 23 Verstößen und Landverlusten von 11.930 km² betroffen. Allein bei fünf Zwangsräumungen im lusophonen Afrika zählt die VDB rund zwei Millionen Betroffene, die meisten davon in Mosambik.

Die Anlässe reichen von lokalen Großprojekten oder -veranstaltungen bis hin zu bewaffneten Konflikten, während andere auf Basis umwelt- und klimapolitischer Maßnahmen durchgeführt werden. Erst Anfang dieses Jahres wurde in Lagos damit begonnen, Teile von Makoko – die größte schwimmende informelle Siedlung in Afrika – zu räumen. In der auf Stelzen gebauten Fischergemeinde, die seit ungefähr 200 Jahren besteht, leben heute ca. 100.000 Menschen. Als offizielle Begründung wurden Sicherheitsgründe genannt, doch Aktivist_innen und Expert_innen vermuten Profitinteressen dahinter. Durch die Räumung verlieren viele Menschen ihr Zuhause, ihre Arbeit und werden von ihren Gemeinschaften und sozialen Gefügen getrennt.

Lateinamerika: Gentrifizierung, Kriminalisierung und touristische Interessen

In Lateinamerika sind Vertreibungen eng mit wirtschaftlichen Interessen, Gentrifizierung und der „Touristifizierung“ von Stadtvierteln verbunden. In Brasilien wurden zwischen 2020 und 2025 mehr als zwei Millionen Menschen zwangsweise aus ihrem Zuhause vertrieben, viele davon aufgrund fehlender Eigentumstitel, Mietrückständen oder repressiver Gesetzesinitiativen. Die Kampagne „Null Vertreibungen“ dokumentiert eindrücklich, wie soziale Bewegungen kriminalisiert werden und Mehrfachdiskriminierung die Situation verschärft.

In Chile sind derzeit rund 16.000 Familien in sogenannten campamentos akut von Vertreibungen bedroht. Die Regierung hat 2023 die Gesetzgebung gegen Hausbesetzungen verschärft, was zu einer Zunahme von Zwangsräumungen und sogar Freiheitsstrafen für die Betroffenen geführt hat. Ein besonders exemplarischer Fall ist die Siedlung „Terrazas del Marga Marga“, wo Häuser ohne ordnungsgemäße Verfahren abgerissen werden sollen.

In Mexiko-Stadt kommt es jedes Jahr zu etwa 3.000 gerichtlichen Zwangsräumungen, zusätzlich zu zahlreichen außergerichtlichen Maßnahmen, die durch Eigentümerdruck oder kriminelle Gruppen ausgelöst werden. Der Boom von Kurzzeitmieten wie Airbnb verschärft die Lage zusätzlich, da der Druck auf bezahlbaren Wohnraum in zentralen Stadtvierteln steigt.

Globale, nationale und lokale Verantwortung zur Wahrung der Menschenwürde

Diese Beispiele zeigen: Vertreibungen sind eine weltweite Herausforderung. Die Verteidigung des Rechts auf Wohnen ist auch ein Einsatz für soziale Teilhabe und Menschenwürde. Überall sind es vor allem armgemachte soziale Gruppen der Gesellschaft, die besonders betroffen sind: Menschen ohne Zugang zu angemessenem und sicherem Wohnraum, Minderheiten und Frauen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen setzen sich auch international vernetzt für den Schutz vor Vertreibungen und für Bleibesicherheit ein. Diese Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag, um gemeinsam mit betroffenen Gemeinschaften das Menschenrecht auf Wohnen zu schützen.

Deutsche Entwicklungspolitik sollte sich bei der Förderung von Rechtsstaatlichkeit neben bürgerlichen Menschenrechten verstärkt auch für die Umsetzung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte sowie für das Menschenrecht auf Wohnen einsetzen. Dazu gehört, Upgrading-Maßnahmen in informellen Siedlungen zu fördern.

Im Fall von unumgänglichen Umsiedlungen ist die Einhaltung von Schutzmaßnahmen einzufordern, inklusive der Bereitstellung notwendiger Finanzmittel für sogenannte Umsiedlungen vor Ort „In-Situ“ und in der Stadt „In-City“, also Neugruppierungen und Verdichtung von Wohnraum oder Umsiedlungen innerhalb des Stadtgebiets mit größtmöglicher Nähe zu der ursprünglichen Siedlung.


Dieser Blog-Artikel wurde auf Grundlage des Aide Memoires 2025 zum Querschnittsthema „Menschenrecht auf Wohnen – Schutz vor und Ächtung von Vertreibungen“ verfasst. Die gesamte Veröffentlichung des Forum Menschenrechte kann hier aufgerufen werden: Aide-Mémoires 2025 – Forum Menschenrechte


Die Verfasser_innen Eva Dick, Almuth Schauber, Clara-Luisa Weichelt, Franziska Wissel und Jacqueline Wingens arbeiten als urbanes Team bei unserer Mitgliedsorganisation Misereor.

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.