Allgemein, Kommunikation, Transparenz, Wirksamkeit

Erfolge sichtbar machen: Wirkungsberichterstattung im Jahresbericht

Geschäftsfüher von NETZ Bangladesch

Für Nichtregierungsorganisationen steht aktuell an, den Jahresbericht 2017 zu schreiben und Rechenschaft abzulegen über die Projektarbeit, ihre Wirksamkeit, den Mitteleinsatz und vieles mehr. Geschäftsführer Peter Dietzel von NETZ Bangladesch spricht im Interview über seine Ansprüche an visuell interessant gestaltete, anspruchsvolle und auch berührende Texte.

Herr Dietzel, wie haben sich Ihre Jahresberichte in der letzten Dekade verändert und warum?

Wir machen unseren Bericht heute farbiger, fluffiger und faktenreicher. Die Seitenzahl haben wir verdoppelt, jetzt sind es sechzehn Seiten, ebenso die Größe der Schrift und der Bilder. Und wir berichten selbstkritischer über unsere Arbeit. Der Jahresbericht kultiviert Beziehungen. Er ist eine Kommunikationsplattform. Alle, die im Verlauf eines Jahres zu unserer deutsch-bangladeschischen Partnerschaft beitragen, sollen darin vertreten sein: Akteure in den Entwicklungsprojekten sowie Spenderinnen, bekannte Fürsprecherinnen für unsere Organisation sowie politische Entscheiderinnen, ehrenamtliche Aktivistinnen sowie hauptamtliche Mitarbeiterinnen. Es geht nicht nur darum, transparent Rechenschaft abzulegen und Vertrauen in die eigene Organisation zu erhöhen. Jede Person, die den Jahresbericht in die Hand nimmt oder im Internet aufschlägt, soll ganz unmittelbar etwas finden, was ihrem Bedürfnis nach präziser Information oder emotionaler Verbundenheit gerecht wird. Die Menschen wollen auf einen Blick sehen, wieviel Cent wir pro Euro Spende für Transparenz und Werbung aufwenden, in welchen Regionen die Projekte stattfinden, wieviel ich als Geschäftsführer verdiene. Aus diesen Inputs von Akteuren und Interessen entwickeln wir einen – hoffentlich verständlichen – Mix aus Texten, Grafiken, Interviews und Bildern.

Welche neuen Aspekte oder Themen greifen Sie auf, was lassen Sie heutzutage weg?

Wir müssen nicht mehr in jedem Jahresbericht unsere gesamte Arbeit reflektieren, wenn wir die Kernfakten zu unseren Schwerpunkten dargestellt haben. Stattdessen informieren wir jetzt über Wirkung, Effizienz und Transparenz der Entscheidungsstrukturen. Darüber hinaus zieht sich ein politisches Thema wie ein roter Faden durch jeden Jahresbericht, vom Editorial bis zur letzten Seite: Einmal war es das Recht auf Nahrung, dann das Recht auf Bildung oder die Aktivitäten zur Verhinderung von Kinder-Ehen.

Wieviel Text verträgt ein Jahresbericht heutzutage noch? Wie können wichtige Informationen über Ihre Arbeit übersichtlich dargestellt werden?

Uns geht es wie Blaise Pascal, dem Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Meist fehlt den Experten in der Projektabteilung die Zeit, sich kurz zu fassen. Doch unser Grafiker macht stets neue Vorschläge, abstrakte Zahlen grafisch prägnant aufzubereiten, Wortbeiträge von unseren Partnern optisch abzusetzen, Piktogramme als strukturierende Elemente einzubauen und Räume für aussagekräftige Fotos und Karten freizuschaufeln. Das zwingt uns zum Kürzen. Am Ende darf dann der Bericht wie ein harmonisch-lebhaftes und zugleich schlicht-übersichtliches Gesamtkunstwerk aussehen.

Wen haben Sie vor Augen, wenn Sie einen Jahresbericht konzipieren, gestalten und texten?

Genau eine Handvoll Menschen: Erstens die ehrenamtliche Mitarbeiterin, die bei einem Event andere Menschen von unserem gemeinsamen Engagement überzeugen möchte. Zweitens Herrn Meyer, der einmal im Jahr fünfzig Euro von seiner Rente abknappst und spendet. Drittens die rassismuskritische Aktivistin, die an Schulen entwicklungspolitische Bildung macht. Viertens die Mitarbeiterin im Ministerium oder in einer Stiftung, die über Zuschüsse entscheidet. Und fünftens den Staatsbeamten in Bangladesch, der den Daumen hebt oder senkt, ob wir gemeinsam mit unseren Partnern ungestört für mehr Gerechtigkeit eintreten können – denn unser Jahresbericht erscheint auch auf Englisch.

Und hier setzt meine Selbstkritik an. Genau die Menschen, denen gegenüber wir als Erstes rechenschaftspflichtig sind, finden Sie nicht in der Aufzählung der Zielgruppe: die Menschen, die wir in ihrer Auflehnung gegen Marginalisierung unterstützen, und die Entwicklungsarbeiterin im entlegenen Dorf Chilmari. Wir haben einen bengalischen Internetauftritt, doch wir haben nicht die Ressourcen, jährlich einen bengalischen Jahresbericht herauszugeben.

Wie versuchen Sie, die Wirkungen Ihrer Arbeit im Jahresbericht zu veranschaulichen?

Tabellarisch stellen wir die Aktivitäten dar, die wir unterstützt haben, und unmittelbar daneben die erzielte quantitative Wirkung. In kurzen Textblöcken reflektieren wir, was im vergangenen Jahr besonders gut gelaufen ist, wo wir Durchbrüche feiern konnten, und ebenso, worin die besonderen Herausforderungen bestanden und wo wir dringenden Verbesserungsbedarf haben. Daran schließt sich eine knappe Aufzählung der spezifischen Ziele für das Folgejahr an. Das Ganze bekommt ein Gesicht, indem Projektteilnehmerinnen und Aktivisten in Bangladesch zu Wort kommen und pars pro toto von den Schwierigkeiten und Veränderungen berichten.

Um über Wirkungen berichten zu können, müssen Veränderungen zunächst vor Ort beobachtet werden. Welches Vorgehen hat sich da für Sie als mittelgroße NRO bewährt?

Unsere Mitarbeitenden in Bangladesch und Deutschland, Mitglieder und Vorstand haben gemeinsam eine Fünfjahresstrategie entwickelt. Projektteilnehmerinnen in den Dörfern, unsere Partner vor Ort und Wissenschaftlerinnen waren einbezogen. Daraus ergibt sich ein klarer Fokus unserer Organisation auf drei Schwerpunkte. Wir meinen, nicht alles machen zu müssen. Alle Ziele, die wir erreichen wollen, sind durch Indikatoren spezifiziert. Hierfür erfassen unsere Partner bei allen Entwicklungsinterventionen, die wir unterstützen, Daten mittels eines systematischen Monitorings. So können wir zum Jahresende, wie am Ende des Projektzyklus, die Wirkung analysieren und darüber Auskunft geben, was die Projektteilnehmerinnen, Partnerinnen und wir gemeinsam zum Beispiel zur Erreichung der SDGs und darüber hinaus beitragen. Zum qualitativen Monitoring tragen vor allem unsere bangladeschischen Kolleginnen und Kollegen bei, die regelmäßig in den Projekten vor Ort sind, und die Dynamik der Veränderungsprozesse reflektieren.

Ihre Organisation macht auch politische Arbeit in Deutschland und in Partnerländern. Die Ergebnisse sind vermutlich kaum in Zahlen zu fassen. Wie berichten Sie über die Erfolge dieser Arbeit?

Öffentliche Mittel für entwicklungspolitische Bildung in Deutschland haben erhebliches Entfaltungspotenzial. Mit den Beträgen, die wir bewilligt bekommen, kann niemand ein aussagekräftiges Wirkungsmonitoring einrichten. So beschränkt sich unsere Darstellung der politischen Arbeit im Wesentlichen auf die Reichweite von entwicklungspolitischen Veranstaltungen und Konferenzen. Die politischen Erfolge unserer Partner in Bangladesch haben ihren Platz im Textteil unseres Jahresberichts.

Vielen Dank für dieses Gespräch!


Weitere Informationen zur Erstellung eines Jahresberichts sowie eine Anleitung finden Sie in unserem Blogbeitrag „In vier Schritten zu einem guten Jahresbericht“.