Politik

Internationaler Tag der humanitären Hilfe: Welt im Krisenmodus

Der 19. August ist Welttag der humanitären Hilfe – ein Tag, der nicht nur an die Millionen Menschen in Not erinnert, sondern vor allem denjenigen gewidmet ist, die sich unter schwierigsten Bedingungen tagtäglich für diese Menschen einsetzen: humanitäre Helfer_innen weltweit. Der heutige Tag würdigt ihren Einsatz und erinnert an alle verletzten und getöteten Helfer_innen. Er appelliert an die Bedeutung von Solidarität und Menschlichkeit in einer zunehmend polarisierten Welt – eine Botschaft, die heute dringender ist denn je.

Die aktuelle humanitäre Lage ist erschütternd: Über 300 Millionen Menschen weltweit benötigen humanitäre Hilfe. Rund 120 Millionen Menschen sind auf der Flucht – mehr als je zuvor. Klimakatastrophen, langanhaltende bewaffnete Konflikte, Hungerkrisen und Vertreibung bringen immer mehr Menschen an den Rand des Überlebens. In vielen Regionen wird ihre Not zusätzlich verschärft – sei es durch die Art der Kriegsführung, durch politischen Stillstand, gezielte Blockaden von Hilfslieferungen oder durch den systematischen Ausschluss von Hilfsorganisationen.

Die Welt ist im humanitären Krisenmodus

In Gaza ist nahezu die gesamte Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wohnhäuser sind zerstört, die Grundversorgung ist zusammengebrochen, Hunger und Krankheiten breiten sich aus – und fordern Menschenleben. Im Sudan, wo aktuell die größte Vertreibungskrise der Welt herrscht, benötigen über 30 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung – humanitäre Hilfe. Auch hier sterben Menschen an Hunger und fehlender medizinischer Versorgung. In Myanmar verstärken Naturkatastrophen wie das schwere Erdbeben im März 2025 die Auswirkungen der anhaltenden bewaffneten Konflikte. Ein Drittel der Bevölkerung – fast 22 Millionen Menschen – brauchen hier humanitäre Unterstützung. Doch auch hier bleiben viele von ihnen unerreicht.

Denn obwohl das Ausmaß des Leids in Gaza, im Sudan, in Myanmar und in vielen anderen Krisengebieten so offensichtlich ist, wird die lebensrettende Arbeit humanitärer Helfer_innen systematisch behindert. Humanitäres Personal und zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser geraten immer wieder ins Visier gezielter Angriffe. Konfliktparteien weisen dringend benötigte Hilfsgüter ab, blockieren Zugänge, weisen Personal aus oder schränken durch bürokratische Hürden die Arbeit von Hilfsorganisationen ein. Gleichzeitig werden die Handlungsoptionen für humanitäre Organisationen durch zurückgehende internationale Mittel immer kleiner.

Humanitäres Völkerrecht: Viel zitiert, wenig geschützt

Das humanitäre Völkerrecht ist der zentrale Pfeiler für den Schutz und die Versorgung von Menschen in Not. Es verpflichtet alle Parteien in bewaffneten Konflikten gleichermaßen zur Einhaltung klarer Regeln, um die Auswirkungen für die Zivilbevölkerung und zivile Einrichtungen zu minimieren und die Bereitstellung von humanitärer Hilfe zu ermöglichen.

Doch in den vergangenen Jahren haben eklatante Verletzungen des humanitären Völkerrechts dramatisch zugenommen. Ein Blick nach Gaza, in den Sudan, den Südsudan, in die Ukraine oder in die Demokratischen Republik Kongo genügt: Krankenhäuser, Flüchtlingslager, Schulen – Einrichtungen, die laut humanitärem Völkerrecht unter besonderem Schutz stehen – werden gezielt angegriffen. Zivilist_innen verlieren ihr Leben, weil elementare Regeln bewusst gebrochen werden. Humanitäre Helfer_innen werden bedroht, entführt oder getötet. 2024 wurden laut dem neuesten Aid Worker Security Report 861 Helfer_innen Opfer schwerwiegender Sicherheitsvorfälle, 383 verloren dabei ihr Leben – ein erschütternder Höchststand. In diesem Jahr sind es bereits 245 Angriffe mit 265 getöteten Helfer_innen. Besonders gravierend: In den allermeisten Fällen werden die Verantwortlichen für diese Verstöße nicht zur Rechenschaft gezogen.

Früher universteller Konsens, heute Verhandlungsmasse

Die Folge ist eine schleichende Erosion des humanitären Völkerrechts. Was einst als universeller Konsens galt, wird zunehmend zur Verhandlungsmasse im geopolitischen Machtspiel. Mehr und mehr Staaten legen das völkerrechtliche Regelwerk, das eigentlich alle gleichermaßen bindet, selektiv aus – je nach Interessenlage. Der Vorwurf der Doppelmoral steht im Raum, etwa beim Vergleich der Reaktionen westlicher Staaten auf mögliche Kriegsverbrechen in Gaza und der Ukraine.

Was fehlt, ist politischer Wille und klare Verantwortungsübernahme. Staaten, die sich zum humanitären Völkerrecht bekennen, dürfen nicht schweigen, wenn es verletzt wird – unabhängig davon, wer es verletzt. Auch die deutsche Bundesregierung muss ihrer Rolle als glaubwürdige Verteidigerin des humanitären Völkerrechts gerecht werden – konsequent und unabhängig vom politischen Kontext. Dafür hätte die Bundesregierung auch Rückhalt in der Bevölkerung: Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag der Diakonie Katastrophenhilfe wünschen sich zwei Drittel ein starkes Eintreten der Bundesregierung für das humanitäre Völkerrecht. Darüber hinaus halten 82 Prozent der Deutschen humanitäre Hilfe insgesamt für wichtig oder sehr wichtig. Auch andere Umfragen zeigen ein klares Bild: Laut einer Forsa-Umfrage für Aktion gegen den Hunger finden 77 Prozent der Befragten, dass die Bundesregierung sich stärker für die Bekämpfung des weltweiten Hungers einsetzen sollte. Der Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2024 bestätigt ebenfalls breite Zustimmung für humanitäres Engagement.

Was kosten Solidarität und Menschlichkeit?

Gleichzeitig braucht humanitäre Hilfe eine verlässliche Finanzierung. Denn trotz des wachsenden Bedarfs befindet sich die humanitäre Hilfe in einer dramatischen finanziellen Schieflage. Laut Vereinten Nationen wurden erst rund 18 Prozent der benötigten Mittel für 2025 bisher bereitgestellt. Denn viele Geberländer kürzen ihre humanitären Budgets – mit verheerenden Folgen für die Menschen in Not: Überlebenswichtige Programme werden eingestellt, es fehlt an Nahrungsmitteln, sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Schutz. Als Reaktion auf die Finanzierungskrise veröffentlichte das UN-Nothilfebüro kürzlich eine „Hyper-Priorisierung“ der weltweiten Bedarfe, in der nur noch die dringendste, lebensnotwendigste Unterstützung berücksichtigt wird. De facto ist das eine Triage, eine Auswahl also, wer noch Hilfe erhält und wer nicht. Kurzum: Die Kürzungen kosten Menschen ihr Leben.

Auch Deutschland plant, die humanitären Mittel gegenüber 2024 um mehr als 50 Prozent zu kürzen, sowohl im Jahr 2025 als auch 2026. Der Anteil der humanitären Hilfe am Bundeshaushalt würde damit auf nur noch 0,2 Prozent sinken – das wäre der niedrigste Wert seit 2010. Und das, obwohl sich der humanitäre Bedarf seit 2010 fast vervierfacht hat. Die Bundesregierung und die Abgeordneten im Bundestag, die in den kommenden Wochen über den Haushalt entscheiden, müssen ihrer Verantwortung gerecht werden und eine ausreichende Finanzierung der humanitären Hilfe sicherstellen.

Ein Tag, der nicht ignoriert werden darf

Der Welttag der humanitären Hilfe ist mehr als eine symbolische Geste. Er ist Mahnung und Appell zugleich: Solidarität und Menschlichkeit sind nicht verhandelbar. Helfen ist kein Verbrechen – das Verhindern von Hilfe hingegen schon. Humanitäre Arbeit braucht mehr als Anerkennung. Sie braucht Schutz, politische Rückendeckung und eine verlässliche Finanzierung. Denn in einer Welt, in der Krisen zunehmen, sollte Menschlichkeit das Letzte sein, woran gespart wird.


Weiterführende Publikationen zum Thema finden Sie hier:

VENRO: Analyse Bundeshaushaltsentwurf 2026

VENRO: Humanitäre Hilfe in der Krise

VENRO: Analyse Bundeshaushaltsentwurf 2025

VENRO: Umfrage zur Zerschlagung von USAID

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.