Politik

Lokalisierung, locally led development und Dekolonisierung: Warum wir über Begriffe sprechen sollten

VENRO-Mitglieder und Kolleg_innen der LOCALliance diskutieren über die Umsetzung von Lokalisierung.

Zivilgesellschaftliche Organisationen beschäftigen sich seit einigen Jahren intensiv mit der Frage, wie lokale und nationale Organisationen eine Führungsrolle im humanitären und entwicklungspolitischen System übernehmen oder wie Machtungleichgewichte in der Zusammenarbeit abgebaut werden können. Lokalisierung, lokal geführte Entwicklungszusammenarbeit und Dekolonisierung sind im humanitären und entwicklungspolitischen Sektor derzeit demnach in aller Munde. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich genau? Wir lesen und nutzen sie ständig. Doch werden sie überhaupt von allen gleich verstanden? Und was meinen wir damit, wenn wir als VENRO über Lokalisierung, locally led development und Dekolonisierung sprechen?

Genau diese Fragen haben wir in einem zweiteiligen Workshop mit VENRO-Mitgliedsorganisationen und unseren Partnernetzwerken der LOCALliance und dem Countdown-2030-Projekt diskutiert und uns mit unterschiedlichen Verständnissen von Lokalisierung, lokal geleiteter Entwicklungszusammenarbeit und Dekolonisierung beschäftigt. Vorab haben wir uns einige Begrifflichkeiten herausgesucht, die wir in unserer Arbeit häufig nutzen. Dazu zählen „Lokalisierung“, „Globaler Süden“/“Globaler Norden“ oder „vulnerable Gruppen“. In der Diskussion ging es nicht darum, am Ende eine einzige „richtige“ Definition zu finden. Vielmehr wollten wir unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten sowie darüber nachdenken, was die Begriffe für unsere eigene Arbeit bedeuten, welche Begriffe wir wie in Zukunft nutzen möchten – und welche möglicherweise nicht mehr.

Langfristig soll so im Verband ein gemeinsames Verständnis zu diesen Themen entwickelt und dabei gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven auf diese Themen sichtbar gemacht werden. Eine Fachgruppe aus Mitarbeitenden verschiedener Mitgliedsorganisationen wird sich mit den oben genannten Fragen beschäftigen. Zudem planen wir mehrere Workshops und Veranstaltungen mit unseren Mitgliedern und Partner_innen sowie eine abschließende Publikation.

Warum es wichtig ist, über Begrifflichkeiten zu sprechen

In diesem ersten Workshop haben wir ausgewählte Begrifflichkeiten und Themen genauer unter die Lupe genommen und sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet:

Wenn wir dieselben Begriffe verwenden, bedeutet das nicht automatisch, dass wir auch dasselbe meinen. Viele Begriffe lassen Raum für Interpretation. Was unter Lokalisierung verstanden wird, kann je nach Organisation, Arbeitsbereich oder regionalem Kontext variieren. Dies beschreibt unser LOCALliance-Kollege Abdulqawi Hajeb von der Yemen Localization Initiative eindrücklich in seinem Blogartikel. Auch die Perspektiven aus humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit sind nicht zwangsläufig identisch. Deshalb ist es wichtig, über Terminologie zu sprechen und verschiedene Perspektiven sichtbar zu machen.

Sprache ist nicht neutral. Die Begriffe, die wir verwenden, beeinflussen, welche Haltung wir zu bestimmten Themen einnehmen und wie wir mit Partnerorganisationen zusammenarbeiten. Damit stellt sich auch die Frage: Wer definiert eigentlich die Begriffe, mit denen wir arbeiten? Wessen Perspektiven werden darin sichtbar – und wessen Stimmen fehlen möglicherweise?

Gerade im Kontext von Dekolonisierung ist diese Frage zentral. Wenn wir Machtverhältnisse und koloniale Kontinuitäten kritisch hinterfragen und adressieren wollen, müssen wir auch unsere Sprache und die Begriffe betrachten, mit denen wir arbeiten.

Dabei geht es wie gesagt nicht darum, für jeden Begriff eine einheitliche Definition festzulegen. Ein gemeinsames Verständnis kann vielmehr darin bestehen, unterschiedliche Perspektiven transparent zu machen und eine gemeinsame Grundlage für die weitere Zusammenarbeit zu schaffen.

Austausch ist und bleibt wichtig

Der Workshop hat gezeigt, dass es wichtig ist, im Austausch zu bleiben. Dies wird umso relevanter, wenn bei der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen Übersetzungen ins Spiel kommen: Die Terminologie kann sich je nach Kontext ändern, Bedeutung und Ziele aber sollten bestehen bleiben. Gerade deshalb ist es wichtig, zu verdeutlichen, was wir meinen und welche Ziele wir verfolgen.

Die Diskussionen aus den Workshops fließen nun in die weitere Arbeit unserer Fachgruppe ein. Die Ergebnisse aus den Brainstormings, Gruppenübungen und Diskussionen werden ausgewertet und sollen in die weitere Auseinandersetzung sowie in ein Diskussionspapier einfließen. Weitere Workshops und Austauschformate werden Gelegenheit geben, die Debatten weiter zu vertiefen. Im Dezember findet unser jährlicher Mitgliederaustausch zum Thema „The Future of Locally Led Approaches in Development Cooperation and Humanitarian Aid” statt. Hier werden wir den Austausch gemeinsam mit lokalen und nationalen Partnerorganisationen fortführen.

Ein gemeinsames Verständnis entsteht nicht dadurch, dass wir uns möglichst schnell auf eine Definition einigen. Es entsteht durch Austausch, durch das Sichtbarmachen unterschiedlicher Perspektiven und durch die Bereitschaft, die eigene Sprache und Praxis kritisch zu hinterfragen.


Karoline Krähling arbeitet bei VENRO als Referentin im Bereich Globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung.

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.