Politik

Schlechte Bewertung, teure Kredite: Wenn Ratings Staaten in die Schuldenfalle treiben

Die Urteile weniger großer Ratingagenturen bestimmen maßgeblich, wie günstig Staaten Kredite bekommen. Doch gerade Länder im Globalen Süden müssen oft höhere Zinsen zahlen als andere Staaten – und geraten in einen gefährlichen Schuldenkreislauf. Eine stärkere Regulierung von Kreditbewertungsagenturen wird deshalb immer dringlicher.

Viele Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika sind hoch verschuldet. In 47 von ihnen werden die Staatshaushalte durch Zins- und Tilgungszahlungen an ausländische Gläubiger massiv belastet. In diesen Ländern leben 18 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut. In Subsahara-Afrika ist der Anteil hoch verschuldeter Staaten mit rund 70 Prozent besonders hoch. Weltweit sind vor allem Niedrigeinkommensländer von Überschuldung betroffen.

Der Schuldendienst bindet Mittel, die dringend für soziale Sicherung, Gesundheit und Bildung benötigt würden – und damit für die Verbesserung der Lebenssituation von Millionen Menschen.

Schlechte Kreditbewertungen treiben die Kapitalkosten in die Höhe

Ein Grund für die hohe Verschuldung vieler Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika ist, dass sie schlechteren Zugang zu günstigen Krediten haben. Sie müssen oft deutlich höhere Zinsen zahlen als etwa europäische Staaten.

Dabei spielen private Ratingagenturen eine wichtige Rolle. Sie bewerten, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Staat seine Schulden zurückzahlen kann. An diesen Bewertungen orientieren sich viele Investoren und Gläubiger. Das Problem: Der Markt wird von nur wenigen großen Agenturen beherrscht. Diese sind in vielen Ländern des Globalen Südens kaum vor Ort, arbeiten oft wenig transparent und kennen die lokalen Bedingungen häufig nicht gut genug.

Trotzdem haben ihre Urteile großen Einfluss. Schlechte Bewertungen führen zu höheren Zinsen. Dadurch steigen die Schulden weiter, und Zahlungsausfälle werden wahrscheinlicher. So entsteht ein Teufelskreis: schlechte Bewertung, hohe Kreditkosten, noch mehr Verschuldung.

Um ihre Bewertungen nicht weiter zu verschlechtern, richten viele Regierungen ihre Finanzpolitik nach den Erwartungen der großen Ratingagenturen aus. Das schränkt ihren politischen Spielraum ein. Besonders in Krisen kann das schwerwiegende Folgen haben. Während der Covid-19-Pandemie konnten viele Länder mit niedrigem Einkommen ihre Wirtschaft nicht im gleichen Maß stützen wie Industrieländer – auch weil Herabstufungen durch Ratingagenturen den Zugang zu Geld erschwerten.

Die Rolle der Agenturen wird schon lange kritisch diskutiert

Die Vereinten Nationen (UN) befassen sich bereits seit 2013 wiederholt mit der Rolle von Ratingagenturen im internationalen Finanzsystem, weil ihre Bewertungen erhebliche Auswirkungen auf globale Märkte und die Kreditkosten von Staaten haben. Nach Debatten und hochrangigen Treffen in den Jahren 2013, 2014 und 2022 betonte auch der „UN-Zukunftspakt“ im September 2024 erneut, wie wichtig ein stärkeres Engagement der UN im Umgang mit Kreditbewertungsagenturen ist. Darauf aufbauend wurden Kreditratings auch bei der vierten internationalen Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung (FFD4) in Sevilla besonders hervorgehoben. Die Staaten beauftragten den UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) im Zuge der Konferenz damit, ein Sondertreffen zum Thema abzuhalten.

Sondertreffen zu Kreditbewertungen soll Abhilfe schaffen

Am 30. März 2026 kommt nun der ECOSOC zu seiner ersten Sondersitzung in Umsetzung der Sevilla-Verpflichten zu Kreditbewertungen zusammen. In einer eintägigen Veranstaltung wollen die Staatenvertreter_innen über den Zusammenhang von Kreditbewertungen und Kapitalkosten, der Methodik von Kreditbewertungen und dem Kapazitätsaufbau zum Umgang mit Kreditbewertungsagenturen austauschen.

Ziel ist es, ein gemeinsames Verständnis darüber zu schaffen, wie Kreditratings genutzt und interpretiert werden und welche systemischen Folgen sie insbesondere für Kreditkosten, Marktzugang und Finanzstabilität in Entwicklungsländern haben.

Was wir von der Bundesregierung erwarten

Aus Sicht von VENRO ist es mit diesem Treffen jedoch nicht getan: Vielmehr müssen weitere Termine folgen – mit der klaren Zielsetzung, grundlegende Reformen in der internationalen Kreditbewertung zu vereinbaren und private Bewertungsagenturen besser zu regulieren. Deutschland hat als wichtiges Mitgliedsland der UN, der Europäischen Union (EU) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein Gewicht in dieser Diskussion.

VENRO fordert deshalb die Bundesregierung auf:

  • zur Umsetzung der Sevilla-Verpflichtungen beizutragen, indem sie die Arbeit im ECOSOC zu Kreditratings unterstützt;
  • sich dafür einsetzt, dass auf UN-Ebene eine öffentliche Kreditratingagentur eingerichtet wird, die – anders als private Anbieter_innen – bei der Kreditwürdigkeitsbewertung nicht nur ökonomische Kriterien, sondern auch Kriterien der nachhaltigen Entwicklung, der Menschenrechte und der Geschlechtergerechtigkeit berücksichtigt.

Dr. Sonja Grigat ist Referentin im Bereich Globale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung bei VENRO.

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.