Die Rahmenbedingungen der weltweiten Gesundheitsversorgung haben sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. Selbst bisherige Fortschritte sind durch den Rückzug aus der internationalen Solidarität akut gefährdet. Es ist deshalb höchste Zeit für mehr Einsatz für Globale Gesundheit.
Das dritte Ziel der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDG 3) ist klar: Gesundheit und Wohlergehen für alle Menschen weltweit. Doch angesichts der sich dramatisch verschlechterten globalen Rahmenbedingungen ist die Zielmarke 2030 selbst bei größtem Einsatz nicht mehr erreichbar. Die COVID-19-Pandemie wirkt weiterhin nach. Die Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher. Wachsende geopolitische Spannungen und lokale gewaltsame Konflikte erschweren die Gesundheitsversorgung. Die akute Finanzierungskrise – ausgelöst durch strukturelle Schwächen des internationalen Finanzierungssystems, die etwa die enorme Verschuldung vieler Entwicklungsländer verschärft haben –, sowie der Rückzug der USA aus der Entwicklungszusammenarbeit und die Kürzungen bei den öffentlichen Entwicklungsleistungen klassischer Geberländer stellen ernsthafte Hürden dar.
Ungleichheit bleibt das größte Hindernis
Die Pandemie hat Gesundheitssysteme weltweit erschüttert. Viele Gesundheitseinrichtungen waren zeitweise geschlossen oder stark eingeschränkt. Die Versorgung mit präventiven Leistungen sowie die sexuelle und reproduktive Gesundheit waren besonders betroffen. Diese Versorgungslücken sind teilweise bis heute nicht wieder geschlossen worden. Im Jahr 2021 hatten 4,5 Milliarden Menschen keinen vollständigen Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen (Universal Health Coverage Report 2023). Betroffen sind vor allem Menschen in ländlichen Gebieten, Migrant_innen, Geflüchtete oder Menschen mit Behinderungen.
Die Schwächsten zahlen den höchsten Preis
In fragilen, konfliktgeprägten Regionen, in denen bis 2030 rund 60 Prozent der von extremer Armut Betroffenen leben werden, ist die Gesundheitsversorgung besonders schlecht. Mütter- und Kindersterblichkeit sind hoch, Impfquoten niedrig, Infektionskrankheiten wie Cholera oder Masern breiten sich durch schwache Infrastruktur und Vertreibung schneller aus. 55 Prozent der nicht geimpften Kinder leben in 31 fragilen Ländern (2025 HLPF Thematic Review SDG3)
Klimakrise und demografischer Wandel: Die nächsten Stressfaktoren
Der Klimawandel bringt neue Gesundheitsgefahren mit sich: Hitzewellen und Luftverschmutzung begünstigen Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen. Infektionskrankheiten wie Dengue oder Malaria breiten sich aus. Gleichzeitig altert die Weltbevölkerung rapide. Bis 2050 wird sich der Anteil der Menschen über 60 Jahren im Vergleich zu 2015 fast verdoppeln. Damit steigen nichtübertragbare Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs oder Diabetes (2025 HLPF Thematic Review SDG3).
Anwerbung aus Europa verschärft den Fachkräftemangel
Schon heute fehlen 11,1 Millionen Gesundheitskräfte in den Ländern mit niedrigen Einkommen. In der „Health workforce support & safeguards“-Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO wuchs die Zahl kritisch versorgter Länder von 47 Staaten (2020) auf 55 (2023) an. Europäische Länder verschärfen die Lage durch gezielte Abwerbung qualifizierten Personals.
Ausstieg aus der globalen Solidarität bedroht Fortschritte massiv
Trotz Krisen gibt es Erfolge: Die Müttersterblichkeit sank von 228 auf 197 pro 100.000 Lebendgeburten (2015-2023). Die Kindersterblichkeit ging von 43 auf 37 pro 1.000 Lebendgeburten zurück. HIV-Neuinfektionen sanken seit 2010 um 39 Prozent. 2,2 Milliarden Malariafälle und 12,7 Millionen Todesfälle durch übertragbare Krankheiten konnten seit 2000 verhindert werden (SDG Progress Report 2024-2025)
Diese Erfolge sind allerdings durch die Finanzlage bedroht: 3,4 Milliarden Menschen leben in Staaten, die mehr für Zinsen zahlen als für Gesundheit oder Bildung (UCTAD World of Debt). Reformen der Schuldenarchitektur scheitern am fehlenden Willen der Länder des Globalen Nordens. Auch bei der vierten Entwicklungsfinanzierungskonferenz im Juli 2025 konnten sich die Staaten nicht auf einen fairen, internationalen Schuldenmechanismus verständigen (Compromiso de Sevilla). Gleichzeitig haben sich die USA aus der Entwicklungszusammenarbeit zurückgezogen. Die US-Entwicklungsbehörde USAID stellte bisher fast 41 Prozent der gesundheitsspezifischen Hilfe der Geberländer bereit. Der Rückzug könnte gravierende Folgen haben: bis zu 10 Millionen zusätzliche HIV-Infektionen, 100.000 Malaria-Todesfälle jährlich und 75 Millionen Kinder ohne Impfung bis 2030. Auch die Mütter- und Kindsterblichkeit dürfte wieder steigen (medmissio, 2025).
Fazit: Mehr Einsatz für Globale Gesundheit ist überlebensnotwendig
Das aktuell in New York stattfindende Hochrangige Politische Forum (14. bis 23. Juli 2025) bieten die Gelegenheit, globale Gesundheit wieder in den Vordergrund zu stellen. Die Bundesregierung sollte diesen Anlass nutzen und sich dafür einsetzen,
- den barrierefreien Zugang zu hochwertigen Gesundheitsdiensten für alle zu sichern, inkl. Prävention, Behandlung und Rehabilitation;
- die sexuelle und reproduktive Gesundheit als integralen Teil der allgemeinen Grundversorgung zu verankern;
- die Gesundheitssysteme inklusiv, krisenfest und dezentral zu gestalten;
- gemeindebasierte Gesundheitsversorgung zu fördern sowie
- gezielt in Ausbildung und Bindung lokaler Gesundheitskräfte zu investieren – und aktive Abwerbung aus WHO-Defizitstaaten eindämmen.
Die Bundesregierung sollte darüber hinaus die Gesundheitsfinanzierung stärken und
- Mittel für globale Gesundheit im Haushalt erhöhen und mindestens 0,1 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) aufbringen, ohne Kürzung anderer Bereiche der Öffentliche Entwicklungsleistungen (ODA);
- Reformen für faire internationale Besteuerung zugunsten armer Länder vorantreiben;
- einen inklusiven, transparenten und rechtsverbindlichen internationalen Entschuldungsmechanismus unterstützen, der auch private Gläubiger einbezieht;
- Schuldenschnitte ermöglichen und Schuldenrückzahlungen in Krisen aussetzen sowie
- bei Gebern und Entwicklungsbanken auf Schuldenpolitik hinwirken, die Gesundheitskürzungen vermeidet.
Die Stärkung der Globalen Gesundheit ist entscheidend, um weltweit vermeidbaren Krankheiten vorzubeugen, die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern und gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern. Nur durch eine effektive internationale Zusammenarbeit und eine ausreichende Finanzierung können globale Gesundheitskrisen wirksam bewältigt und eine gesunde Zukunft für alle Menschen gesichert werden.
Dr. Sonja Grigat arbeitet als Referentin für Global Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung bei VENRO.
| Dr. Sonja Grigat | VENRO |
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