Politik

Welternährungsbericht 2019: Die Zahl der Hungernden nimmt weiter zu

Hunger_Ernähung_ADP Mbozi_Flickr
Kleinbauern bei der Maisernte in Tansania
Seit drei Jahren steigt die Zahl der Hungernden wieder an. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille: Neben Untergewicht und Mangelernährung ist Übergewicht ein immer größeres Problem. Eine grundlegende Reform des globalen Ernährungssystems ist erforderlich.

An den Ursachen und an der Situation der Hungernden hat sich in den letzten Jahren nichts wesentliches verändert. Kriege und Konflikte, Klimawandel und die wirtschaftliche Depression in vielen Staaten treiben die  Zahl der Hungernden weltweit weiter nach oben. 2018 sind insgesamt rund 821,6  Millionen Menschen chronisch unterernährt gewesen, heißt es im Welternährungsbericht, der am Montag in New York vorgestellt wurde. Damit hungert eine von neun Personen. Zwar wurde die gleiche Zahl für das Jahr 2017 auch schon genannt, nun hat man jedoch diese Zahl auf 811 Millionen nach unten korrigiert. Das bedeutet, dass die Zahl der Hungenden im letzten Jahr um 10,6 Millionen gestiegen ist. Im Jahre 2015 waren noch 785 Millionen hungernd. Der Welternährungsbericht „State of Food Security and Nutrition in the World“ (SOFI) wird gemeinsam vom Welternährungsprogramm (WFP), der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Kinderhilfswerk UNICEF und dem Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) herausgegeben.

Ernährungsunsicherheit: Mehr als zwei Milliarden Menschen betroffen

Mit dem diesjährigen Bericht hat die FAO erstmalig den Indikator FIES (Food Insecurity Experience Scale) zur Hungerbemessung berücksichtigt. Er beruht – im Gegensatz zum klassischen Indikator Prevalence of Undernourishment (PoU) – auf konkreten Haushaltsbefragungen. Demnach leiden aufgrund mangelnder Kaufkraft oder wegen geringer Ernten über zwei Milliarden Menschen das Jahr über immer wieder an Ernährungsunsicherheit und sind gezwungen, regelmäßig Mahlzeiten auszulassen, weniger oder billige, aber minderwertige Nahrung zu sich zu nehmen. Hierzu gehören auch acht Prozent der Bevölkerung in Europa und Nordamerika. Dieser Indikator wurde als zusätzlicher Indikator zur Erreichung des nachhaltigen Entwicklungsziels SDG 2, Hunger weltweit bis zum Jahr 2030 zu beenden, eingeführt. Er beruht auf Haushaltsbefragungen und kann damit auch besser unterschiedliche Schweregrade von Hunger und Ernährungsunsicherheit messen. Zusätzlich können die Daten nach Geschlecht, Alter, Wohnort u.a. aufgeschlüsselt werden. Damit können zielgenauer Programme für bestimmte Bevölkerungsgruppen entwickelt werden.

Besonders schlimme Situation für Kinder – kein Fortschritt erkennbar

Vor allem Menschen in Südasien (514 Millionen) und in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara (256 Millionen) sind von Unterernährung betroffen: im östlichen Afrika sind dies zum Beispiel mehr als 30 Prozent der Bevölkerung. Aber auch in Lateinamerika steigt die Zahl der Hungernden auf 42 Millionen an. Besonders schlimm ist die Situation für Kinder – und es sind keine Fortschritte zu erkennen. Jedes siebte Neugeborene ist untergewichtig und auch der Anteil der Kinder unter fünf Jahren, deren Entwicklung wegen Unterernährung beeinträchtigt ist, lag 2018 mit gut 22 Prozent oder etwa 149 Millionen genauso hoch wie in den Vorjahren. Neben Unterernährung und Hunger ist aber auch Übergewicht und Fettleibigkeit weltweit ein Problem. 40 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind übergewichtig, bei Schulkindern und Kindern in der Pubertät sind 338 Millionen übergewichtig und jeder achte Erwachsene (672 Millionen) leidet an Fettleibigkeit. All diese Zahlen zeigen, dass einerseits Mangel beseitigt werden muss, andererseits aber auch zunehmend die Qualität und der Überfluss an Nahrungsmitteln verändert werden müssen.

Keine Wende im Kampf gegen den Hunger

Die internationale Staatengemeinschaft und die Regierungen haben also viel zu tun. Aber – das zeigen die steigenden Hungerzahlen – sie schaffen keine Wende im Kampf gegen den Hunger und bei der Reform des globalen Ernährungssystems. Es wird immer schwieriger, das gemeinsam gesteckte Ziel zu erreichen, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu besiegen. Es bringt aber kaum etwas, sich nur auf dieses Ziel zu fokussieren – vielmehr braucht es einen mehrdimensionalen Ansatz sowie mehr Kooperation zwischen den verschiedenen Sektoren. Denn der Hunger auf der Welt kann nur dann reduziert werden, wenn zum Beispiel auch Gesundheitsprobleme gelöst werden. So bekommen viele Kinder wegen verunreinigtem Wasser Durchfall und können ihre Nahrung nicht verwerten. Das zeigt:  Eine bessere Wasserversorgung reduziert Krankheiten und Hunger. Auch müssen unbedingt und zügig Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden, damit Dürren oder Überschwemmungen nicht die Ernten vernichten. Darüber hinaus muss den Bauern in den armen Ländern des Südens finanziell und technisch beigestanden werden, damit sie sich an die Folgen des Klimawandels mit verbesserten Anbaumethoden anpassen können. Darauf hat der FAO-Direktor Graziano da Silva explizit hingewiesen – sonst wird der Klimawandel alle Anstrengungen im Kampf gegen den Hunger konterkarieren. Ebenso ist immer wieder zu betonen, dass für Kriegs-und Konfliktgebiete Lösungen gefunden werden müssen. Dort ist die Zahl der Hungernden besonders groß.

Hunger ist häufig Flucht- und Migrationsursache

Hunger ist immer noch ein ländliches Problem und verschärft den Urbanisierungsdruck. 80 Prozent der Hungernden in den Ländern des Südens leben auf dem Land und überwiegend von der Landwirtschaft. Damit spielen die Gestaltung der Agrar- und Ernährungssysteme und auch der Stadt-Land-Beziehungen in diesen Ländern eine entscheidende Rolle. Hunger ist eine wichtige Flucht- und Migrationsursache. Aber diesen strukturellen Hunger zu beseitigen, ist sehr schwer. Obwohl im Jahre 2008 und 2009 die Zahl der hungernden Menschen mit einer Milliarde ihren höchsten Stand erreichte und diese Krise in aller Munde war, wurden die mehrdimensionalen und strukturellen Ursachen des Hungers in den letzten zehn Jahren nicht beseitigt. Wenngleich alle Programme darauf hinweisen, dass besseres Saatgut, weniger Landraub, mehr Umweltschutz, effiziente Infrastruktur und Märkte mit stabilen Preisen Grundvoraussetzungen sind, um den Hunger wirksam zu bekämpfen, wurde in diese Richtung zu wenig unternommen. Dies hat existenzielle Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen.

Klare Kennzeichnung von Lebensmitteln erforderlich

Um den Anstieg der Lebensmittelpreise zu kompensieren, wurden gute Lebensmittel durch qualitativ schlechtere ersetzt. So mussten im Jahre 2017 die ärmsten Länder 28 Prozent ihrer Exporteinnahmen für Nahrungsmittelimporte ausgeben, doppelt so viel wie 2005. Und mit diesen Importen verändern sich auch die Verzehrgewohnheiten: So werden viele verarbeitete Nahrungsmittel importiert, die reich an Fetten, Zucker und Kohlenhydraten sind, aber nur wenige oder kaum wichtige Mineralstoffe und Vitamine beinhalten. Dies ist einer der entscheidenen Gründe für Übergewicht und Fettleibigkeit. Daher wären eine klare Kennzeichnung der Lebensmittel, eine neutrale Aufklärung der Konsumenten, ein Werbeverbot für Lebensmittel, die besonders Kinder ansprechen oder eine Steuerpolitik erforderlich, die diese schädlichen Nahrungsmittel verteuert. Mexiko hat mit einer Steuer auf Süßgetränke bereits gute Erfahrungen gemacht – die Zahl der Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, ist zurückgegangen.

Wirksame Programme gegen Hunger sind längst bekannt

Insgesamt kann konstatiert werden, dass wirksame Rezepte und Programme im Kampf gegen Hunger, Mangel- und Fehlernährung bekannt sind. Die Welternährungsberichte der letzten Jahre haben sie ausführlich beschrieben. Was die Berichte jedoch nicht thematisieren: Die bestehenden wirtschaftlichen und politischen Systeme und die Eliten, die davon profitieren, stellen immer noch ihre Interessen und ihre Gewinne über das Recht auf Nahrung und den Erhalt der Umwelt. Traditionelle und indigene Gemeinschaften werden von ihrem Land vertrieben; Handelsabkommen umgesetzt, die zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Armen nehmen; die Natur durch intensive Agrarnutzung und durch den Rohstoffabbau weiter zerstört. Agrarkonzernen gelingt es immer mehr, Essen und Nahrung auf eine rein handelbare Ware zu reduzieren. Im ländlichen Raum manifestiert sich das Versagen der globalen Ernährungssysteme vor allem durch die Übernutzung von Land, Wasser oder durch den Verlust der Biodiversität. Dies treibt die kleinbäuerlichen Familien in die Enge. In den Städten sind die starke Zunahme von ernährungsbedingten Krankheiten, Mangelernährung und Fettleibigkeit Indikatoren dieser Fehlentwicklung.

Aus der Zivilgesellschaft werden jedoch Vorschläge für alternative Agrarsysteme immer detaillierter vorgebracht, um das globale Ernährungssystem umzubauen. Eine systematische Umstellung der Agrarproduktion, der Verteilung der Nahrungsmittel und des Konsumniveaus steht an, um die Zahl der Hungernden zu reduzieren und das Recht auf Nahrung zu verwirklichen. Die Agrarökologie ist das Kernelement dieses Ansatzes. Sie ist in der Praxis erprobt, aber leider noch nicht im größeren Maßstab umgesetzt. Zum Teil wird dies auch von den Agrarkonzernen verhindert, da es ihr Geschäftsmodell zu stark in Frage stellen würde. Agrarökologie basiert auf der Vielfalt und der Multidimensionalität von Agrarsystemen. Im Mittelpunkt steht dabei ein ganzheitlicher Ansatz, der die Erfordernisse der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, der Gemeinden und der Ökosysteme berücksichtigt, um lokale Bedürfnisse zu befriedigen. Agrarökologie fördert biologische Prozesse, damit weniger oder keine Mineraldünger, Pestizide oder fossile Brennstoffe benötigt werden. Ziele sind dabei die Stärkung lokale Strukturen, höhere Erträge, mehr Ertragsstabilität und weniger Abhängigkeit, um die Gefahr der Verschuldung einzudämmen. Studien haben auch gezeigt, dass agrarökologische umweltschonende Anbausysteme negative Effekte des Klimawandels reduzieren können.

Antrag zur Stärkung der Agrarökologie verabschiedet

Der Umbau des globalen Ernährungssystems ist mit Hilfe von Agrarökologie möglich. Erfreulich ist, dass auch die Bundesregierung und das Parlament agrarökologischen Ansätzen positiv gegenübersteht. Erst kürzlich haben die Regierungsparteien einen Antrag zur Stärkung der Agrarökologie verabschiedet. Damit kann die Bundesregierung ihr Engagement im Kampf gegen den Hunger verstärken. So plant die Bundesregierung über ihre Sonderintitative „Eine Welt ohne Hunger“ die Einrichtung von drei agrarökologischen Zentren in Afrika. Insgesamt ist aber erforderlich, dass der Kampf gegen Hunger und Fehlernährung in eine stimmige Politik eingebettet ist. Deshalb sollte die Bundesregierung ihre Politik ressortübergreifend so gestalten, dass Entwicklungszusammenarbeit nicht durch die Entscheidungen anderer Ressorts – Stichwort Waffenhandel und unfaire Handelsbeziehungen – zunichte gemacht wird. Und sie sollte sich stärker als bisher für die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) einsetzen. Dies gilt aber auch für die gesamte Staatengemeinschaft. Werden die nachhaltigen Entwicklungsziele ernsthaft zur Richtschnur der Politik für alle Staaten, können hoffentlich bald positive Nachrichten Schlagzeilen machen.


Dieser Blogbeitrag ist in leicht veränderter Form auch bei unserer Mitgliedsorganisation Brot für die Welt erschienen.