Politik

Café Kyiv 2026: Zwischen Krieg, Desinformation und Wiederaufbau

Podiumsdiskussion bei Café Kyiv

Unmittelbar vor dem vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine kamen Politik, Medien und Zivilgesellschaft zur vierten Ausgabe von Café Kyiv zusammen. Bei Gesprächen zwischen Kunst und Kriegstechnik wurde deutlich: Die Zukunft der Ukraine entscheidet sich nicht erst morgen – sondern heute.

Am 23. Februar fand in Berlin erneut die Großveranstaltung Café Kyiv statt. Gemeinsam mit rund 170 Partnern organisierte die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) etwa 120 Veranstaltungen und Panels im Colosseum Berlin. Etwa 6.000 Menschen folgten der Einladung – ein starkes Zeichen anhaltender Solidarität mit der Ukraine.

Es war die bislang hochkarätigste Ausgabe der Veranstaltung. Eröffnet wurde sie von Bundeskanzler Friedrich Merz, Beiträge kamen unter anderem von Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan und Außenminister Johann Wadephul. Auch die Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk beteiligte sich an einem Panel und sprach über das Leben unter Besatzung.

Am 24. Februar – dem Tag nach der Veranstaltung – jährte sich der Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine zum vierten Mal. Seitdem verteidigen die ukrainischen Streitkräfte und die Zivilgesellschaft ihr Land und ihre Freiheit – Tag für Tag, unter enormen Opfern. Ihr Kampf ist zugleich ein Kampf für Europa, wie Bundeskanzler Merz in seiner Eröffnungsrede eindrücklich betonte.

Wiederaufbau beginnt mit dem Schutz von Leben

Eva Yakubovska von Vitsche e.V. brachte diese Realität mit einem Satz auf den Punkt: „Was nützen uns Gespräche über den Wiederaufbau, wenn wir heute nicht die Menschen retten, die ihn umsetzen sollen?“ Vitsche ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der sich seit der russischen Großoffensive für die Ukraine einsetzt. Der Name bedeutet „Versammlung freier Menschen, in der wichtige öffentliche Fragen diskutiert und entschieden werden“ – ein programmatischer Anspruch, der sich in der Arbeit des Vereins widerspiegelt.

Yakubovskas Worte verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage: Wiederaufbau ist mehr als eine politische oder wirtschaftliche Strategie – er beginnt mit dem Schutz von Leben und der Unterstützung derjenigen, die bleiben oder zurückkehren wollen. VENRO und seine Mitgliedsorganisationen leisten hierzu weiterhin konkrete Beiträge: Sie engagieren sich in der humanitären Hilfe, unterstützen evakuierte Menschen, sichern medizinische Versorgung und stehen der Bevölkerung vor Ort beim Wiederaufbau zur Seite.

Streitkräfte, Kunst und Zivilgesellschaft nah beieinander

Ein ausgestelltes Bild von der ukrainischen Künstlerin Mari Kinovych: Bunte Gebäude, eine blaue Taube und der Schriftzug Kyiw.
Ein ausgestelltes Bild der ukrainischen Künstlerin Mari Kinovych.

Anders als im letzten Jahr war die Aula des Colosseums nur teilweise Ausstellungsfläche für Werke ukrainischer Künstler_innen und kleine Geschäfte. Sie teilten sich diesmal den Raum mit Drohnen- und Kriegstechnik aus der Ukraine. Militärische Innovationen nahmen auch insgesamt mehr Raum ein als zuvor – etwa bei Diskussionsrunden zum Einsatz neuer Technologien und bei einem ganztägigen Drohnenbau-Workshop.

Gleichzeitig waren zahlreiche VENRO-Mitgliedsorganisationen – Help e.V., Malteser Werke, Johanniter-Auslandshilfe, die Kindernothilfe, action medeor und AGIAMONDO – mit Infoständen und in Panels vertreten. Sie zeigten eindrücklich, wie viel sie in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Evakuierungshilfe und Wiederaufbau leisten.

Jugendstimmen müssen systematisch in politische Entscheidungen eingebunden werden

In einem Panel der Kindernothilfe ging es um die Beteiligung junger Menschen – selbst unter Kriegsbedingungen. Unter dem Titel „Child and Youth Participation in Ukraine’s Recovery and Reconstruction“ diskutierten die Teilnehmenden, wie Kinder und Jugendliche aktiv in die Zukunftsgestaltung ihres Landes einbezogen werden können.

Denn: Kinder und Jugendliche sind nicht nur die Zukunft der Ukraine, sondern schon heute eine treibende Kraft im Wiederaufbau: Überall im Land organisieren sich junge Menschen, identifizieren Bedarfe in ihren Gemeinden und entwickeln eigene Lösungsansätze.

Dennoch wird dieses Potenzial in Wiederaufbauprozessen häufig übersehen. Das Panel machte deutlich, wie wichtig es ist, Jugendstimmen systematisch in politische Entscheidungsprozesse einzubinden – sowohl in der Ukraine selbst als auch im Rahmen europäischer Unterstützung. Anhand konkreter Beispiele wie Jugendräten und lokalen Initiativen wurde aufgezeigt, wie junge Menschen nicht nur angehört, sondern strukturell und wirksam in Wiederaufbauprogramme integriert werden können.

Desinformation bleibt ein zentrales Thema

Ein weiterer Schwerpunkt des Tages war das Thema Desinformation – der Informationskrieg, der europa- und weltweit im Zusammenhang mit der Ukraine geführt wird. In einem Workshop der gemeinnützigen Organisation Deutsch-Ukrainische Wirkung gGmbH ging es um die Gefahren und Chancen von Künstlicher Intelligenz (KI) im Kontext von Desinformation.

Eine kurze Umfrage unter den Teilnehmenden ergab, dass rund die Hälfte Informationen bereits eher über KI-gestützte Systeme als über klassische Suchmaschinen recherchiert – und selbst diese greifen zunehmend auf KI-Generierung zurück. KI-generierte Inhalte werden damit immer häufiger zur ersten Quelle bei Recherchen.

KI kann in kürzester Zeit enorme Mengen an Propagandamaterial produzieren – auch im Interesse Russlands. Gleichzeitig eröffnet sie wichtige Möglichkeiten, etwa durch Mustererkennung, Unterstützung beim Faktencheck oder als Instrument zur Stärkung von Medienkompetenz.

Gegen Desinformation – und gegen die zunehmende Ermüdung durch Kriegsnachrichten – arbeitet die unabhängige Zeitung The Kyiv Independent. Die publikumsfinanzierte Redaktion mit rund 80 Mitarbeitenden berichtet über aktuelle Entwicklungen und dokumentiert Kriegsverbrechen. Gegründet wurde sie Ende 2021; Anfang 2023 kam eine eigene War Crimes Investigation Unit hinzu, um systematisch Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen zu untersuchen und zu dokumentieren.

Großes Interesse bestand am Dokumentarfilm „The War They Play“, der die Militarisierung junger Menschen in den besetzten Gebieten thematisiert. Der Film tourt international und erreichte über die ukrainische Diaspora sogar eine Kirchengemeinde in Texas. Bei Café Kyiv zeigte sich schnell, wie stark Desinformation die Wahrnehmung vieler Menschen prägt. Ein erheblicher Teil der Diskussion nach der Filmvorführung bestand darin, Fragen zu beantworten, die auf verzerrten oder falschen Narrativen über Verantwortlichkeiten für das Kriegsgeschehen und seine Opfer beruhten.

Was bleibt von der Veranstaltung?

Café Kyiv hat in diesem Jahr erneut gezeigt, wie eng Kunst, Zivilgesellschaft, Politik und militärische Verteidigung miteinander verflochten sind – und wie hartnäckig Desinformation, Kriegsalltag und Erschöpfung an unserer Aufmerksamkeit nagen. Aber jede Begegnung, jedes Gespräch, jedes Panel, jede künstlerische Arbeit und jede Recherche trägt dazu bei, dass die Ukraine sichtbar bleibt und ihre Perspektive gehört wird.

„Yesterday is indeed over“, hatte Eva Yakubovska in ihrer Rede betont – das Gestern lässt sich nicht zurückholen. Ob wir ein Morgen haben, in dem Freiheit, Sicherheit und ein friedlicher Wiederaufbau möglich sind, hängt auch davon ab, ob wir heute weiter hinschauen, zuhören und handeln.


Erzsébet Lajos ist Referentin im Bereich Stärkung der Zivilgesellschaft bei VENRO.

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.