Politik

Wie Berlin Bildung für nachhaltige Entwicklung umsetzt

Wie kann Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wirksam in der Schule verankert werden? Wir haben bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie nachgefragt, welche Schritte Berlin geht, um Globales Lernen in Schulen dauerhaft zu implementieren und warum Kooperationen mit Zivilgesellschaft dabei zentral sind.

Die Kultusministerkonferenz und das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) haben auf der 5. Bildungsministerkonferenz im Herbst 2025 den neuen Orientierungsrahmen „Globale Entwicklung“ vorgestellt. Er soll dabei helfen, Bildung für nachhaltige Entwicklung systematisch im Unterricht an weiterführenden Schulen zu verankern. Berlin setzt dabei auf den Whole School Approach, der die ganze Schule als Lernort in den Blick nimmt, sowie auf die Lehrkräftebildung, um schon angehende Lehrkräfte auf die Vermittlung komplexer globaler Herausforderungen vorzubereiten. Damit Lehrkräfte außerschulische Bildungsangebote mit ausgewiesener Expertise in den Unterricht einbinden können, kooperiert die Senatsverwaltung mit vielen unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Netzwerken und Organisationen. Trotz der gegenwärtigen Haushaltslage bleibt es ihr Ziel, den Stellenwert von BNE an Schulen aufrechtzuerhalten und auf hohem Niveau weiterzuführen.


Wir haben vier Fragen an die Berliner Senatsverwaltung geschickt. Die Antworten von Tatjana Beilenhoff-Nowicki, Dr. Lars Böhme und Meike Rathgeber, Ansprechpartner_innen für das Thema Globales Lernen, finden Sie hier in voller Länge:

1. Welches Potenzial hat der neue Orientierungsrahmen, um Globales Lernen in der gesamten Schule wirksam zu verankern?

Der Orientierungsrahmen „Globale Entwicklung“ bietet ein umfassendes Potenzial, um Bildung für nachhaltige Entwicklung mit globaler Perspektive in der gesamten Schule wirksam zu verankern. Insbesondere durch die Integration von BNE in allen Fächern werden fachübergreifende und fächerverbindende Bezüge aufgezeigt und gefördert. Dies ermöglicht eine ganzheitliche und vernetzte Auseinandersetzung mit globalen Fragestellungen und trägt dazu bei, komplexe Herausausforderungen angemessen zu thematisieren.

Darüber hinaus bietet der Whole School Approach, der im Kapitel 8 des Orientierungsrahmens ausführlich dargestellt wird, zahlreiche Bezugspunkte für Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, Schulentwicklung im Sinne einer BNE umzusetzen. So können beispielsweise Lerninhalte, Schulkultur, Schulmanagement oder die Schule als Lebensort an Prinzipien nachhaltiger und demokratischer Entwicklung ausgerichtet sein. In diesem Zusammenhang zeigen auch empirische Befunde des nationalen BNE-Monitorings, dass das Erleben von Schule als Gestaltungsraum im Sinne des Whole School Approach in besonderer Weise dazu beiträgt, Kompetenzen und Motivation für eine positive Zukunftsgestaltung zu fördern, und dass sich Schulleitungen eine Stärkung dieses Ansatzes wünschen.

Für die Implementierung von BNE im Unterricht und in der Schule als Ganzes bietet die Lehrkräftebildung einen wichtigen Hebel, der mitgedacht werden muss. Dazu finden sich im neuen Orientierungsrahmen zahlreiche Bezüge. In Berlin können sich Lehramtsanwärterinnen und -anwärter seit vielen Jahren im Rahmen der Ausbildung mit BNE als relevantem Bestandteil eines modernen Unterrichts auseinandersetzen.

Die weitere Verankerung von BNE in der Lehrkräftebildung und die kontinuierliche Stärkung des Whole School Approach sind entscheidend für die dauerhafte Etablierung von BNE in der Schule. Der Orientierungsrahmen bietet hierzu methodisch-didaktische Anregungen und konkrete Unterrichtsbeispiele.

2. Welche konkreten Schritte planen Sie in Berlin, um Bildung für nachhaltige Entwicklung stärker in Schule und Unterricht zu integrieren?

Berlin hat das übergreifende Thema „Nachhaltige Entwicklung/Lernen in globalen Zusammenhängen“ im Rahmenlehrplan 1-10 und im Rahmenlehrplan für die gymnasiale Oberstufe verpflichtend eingeführt. Um BNE zu implementieren, werden seit vielen Jahren vielschichtige Maßnahmen umgesetzt:

Lehrkräftebildung: BNE ist in der zweiten Phase der Lehrkräfteausbildung im Wahlpflichtbereich verankert, um sicherzustellen, dass zukünftige Lehrkräfte zunehmend über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um BNE im Unterricht angemessen komplex zu adressieren. Darüber hinaus finden regelmäßig zahlreiche Fortbildungen und Fachtage statt, um Lehrkräfte über aktuelle Entwicklungen und Best Practices in der BNE zu informieren und Anlässe zum Austausch über bewährte Praxis und neue Ansätze zu ermöglichen. Auch die regelmäßige Veröffentlichung von Handreichungen und Unterrichtsimpulsen mit BNE-Bezug sollen Lehrkräfte ermutigen, ihren Unterricht im Sinne einer BNE weiterzuentwickeln.

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (SenBJF) initiiert darüber hinaus seit 2019 in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Partnern (KATE e. V.) jährlich die Schüler-Klimazukunftskonferenz, bei der Schülerinnen und Schüler aktiv die Schwerpunkte und das Programm der Veranstaltung gestalten. Ca. 300 Schülerinnen und Schüler nehmen regelmäßig an diesem Format teil, um sich miteinander, mit Wissenschaft, mit Nichtregierungsorganisationen sowie mit Politikerinnen und Politikern über Zukunftsfragen auszutauschen und konkrete Impulse mit in die Schulen zu nehmen.

Auf der Grundlage einer Kooperation zwischen Engagement Global und der SenBJF ermöglicht das „Programm für Berliner Schulen“ im Programm „Bildung trifft Entwicklung Berlin, Mecklenburg-Vorpommern“ Berliner Lehrkräften, Referentinnen und Referenten mit konkreten Bezügen zu Ländern des Globalen Südens in den Unterricht einzuladen oder mit ihnen Workshops an außerschulischen Lernorten durchzuführen. In den kostenfreien Bildungsveranstaltungen und Aktionen werden globale Zusammenhänge greifbar und ein Perspektivwechsel wird angeregt. Die Veranstaltungen sind auf die Rahmenbedingungen der Berliner Schule abgestimmt.

Für Schulgemeinschaften, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, BNE als Anliegen der gesamten Schule umzusetzen, gibt es in Berlin (und darüber hinaus) die Möglichkeit, sich als „Internationale Nachhaltigkeitsschule – Umweltschule in Europa“ (SenBJF), als „Faire Schule“ (EPIZ Berlin e. V.) oder als UNESCO-Projektschule auszeichnen zu lassen. Diese Auszeichnungen sind auch Teil der Nachhaltigkeitsberichterstattung des Landes Berlin zum SDG 4 . In Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung wird zudem die Schulentwicklungswerkstatt „Schule mit Weltblick gestalten“ umgesetzt. Hierbei handelt es sich ist ein interaktives Werkstattformat zur ganzheitlichen Schul- und Unterrichtsentwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Werkstatt richtet den Fokus auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler und deren Einbindung in die Welt.

3. Der Orientierungsrahmen betont, dass Kooperationen mit Nichtregierungsorganisationen und Vereinen positive Effekte auf Lernergebnisse haben können. Welche Erfahrungen haben Sie in Berlin mit der Zusammenarbeit zwischen Schulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen gemacht?

In Berlin ist die Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartnern, insbesondere mit Nichtregierungsorganisationen, seit vielen Jahren ein bildungspolitisches Ziel, das sich auch im Rahmenlehrplan abbildet. Darüber hinaus gibt es seit 2009 eine Rahmenvereinbarung der SenBJF mit dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER e. V.), einem Netzwerk von 120 entwicklungspolitisch aktiven Gruppen und Vereinen. Ziel der Rahmenvereinbarung ist eine Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Bildungsakteuren des Globalen Lernens und der BNE. Auf Grundlage der Rahmenvereinbarung wird zum Beipiel eine Empfehlungsliste (E-Liste) von außerschulischen Akteuren erstellt, die den Schulen als Kooperationspartner empfohlen werden. Um auf die Empfehlungsliste zu gelangen, müssen außerschulische Akteure eine Reihe von Kriterien erfüllen, zum Beispiel die Darstellung von Rahmenlehrplanbezügen ihrer Bildungsangebote, die Teilnahme an Fortbildungen der SenBJF und ein Verzicht auf Spendenwerbung. Bei der Gestaltung und Umsetzung der Bildungsangebote orientieren sich die empfohlenen Kooperationspartnerinnen und -partner unter anderem an den Qualitätskriterien für entwicklungspolitische Bildungsarbeit von VENRO.

Da die Breite der Angebote aus dem Bereich BNE und Globales Lernen schwer zu fassen ist, gibt die Empfehlungsliste hier eine gute Orientierung. Diese Liste wird jährlich aktualisiert und auf der Homepage der SenBJF und des BER e. V. veröffentlicht. So kann sichergestellt werden, dass Lehrkräfte außerschulische Bildungsangebote mit ausgewiesener Expertise in den Unterricht einbinden können, um Schülerinnen und Schüler auf die komplexen Fragenstellungen unserer Zeit vorzubereiten, während außerschulische Kooperationspartner die Möglichkeit erhalten, gesellschaftlich relevante Herausforderungen in der Schule zu adressieren. Vor diesem Hintergrund kann die Kooperation zwischen Schule und Zivilgesellschaft für beide Seiten als gewinnbringend bezeichnet werden.

4. Wo sehen Sie gute Ansatzpunkte, um zivilgesellschaftliche Organisationen künftig noch stärker einzubinden?

Die SenBJF kooperiert seit vielen Jahren erfolgreich in verschiedenen Kontexten mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und plant, dies weiterhin zu tun. Gleichzeitig ist mit Blick auf eine stärkere Einbindung von außerschulischen Partnerinnen und Partnern aber auch festzuhalten, dass es vor dem Hintergrund der umfassenden Anforderungen an Schulen und der gegenwärtigen Haushaltslage derzeit eher darum geht, den Stellenwert von BNE an Schulen aufrecht zu erhalten und auf dem erreichten Niveau zu festigen. In Berlin werden seit vielen Jahren verschiedene Programme inhaltlich und organisatorisch von SenBJF in Kooperation mit Zivilgesellschaft umgesetzt. Neben der Länderinitiative zur Umsetzung des Orientierungsrahmens, die in Kooperation mit dem EPIZ Berlin e. V. durchgeführt wird, sind das Förderprogramm „Bildungsarbeit zu Kolonialismus und Verantwortung in Berliner Schulen“ (BIKO) sowie die Klimazukunftskonferenz Projekte bzw. Programme, die stellvertretend für die gewinnbringende Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft stehen.

Tatjana Beilenhoff-Nowicki
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin
Referentin für Bildung für nachhaltige Entwicklung und Klimabildung in der Berliner Schule

Dr. Lars Böhme
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin
Konzeptionelle Entwicklung und Koordinierung von Maßnahmen zur Implementierung des übergreifenden Themas Nachhaltige Entwicklung/Lernen in globalen Zusammenhängen

Meike Rathgebe
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie Berlin
Landeskoordinatorin des BMZ Schulprogramms

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.