Politik

„Kürzungen bei der Förderung sind auch Kürzungen bei der Krisensicherheit unserer Gesellschaft“

Rund 30 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland in zivilgesellschaftlichen Organisationen für unser Gemeinwohl, viele davon auch für humanitäre und entwicklungspolitische Belange. Dennoch nehmen Angriffe gegen Nichtregierungsorganisationen spürbar zu. Welche Folgen das für ihre Arbeit hat und wie das Bündnis für Gemeinnützigkeit dem entgegenwirkt, erläutert Larissa Probst, Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising Verbands, im Interview.


Wie wirkt sich die zunehmende populistische Diskreditierung zivilgesellschaftlicher Organisationen auf das Fundraising aus?

Wir erleben, dass zugespitzte politische Debatten die Wahrnehmung von Zivilgesellschaft verändern. Vertrauen ist die zentrale Währung im Fundraising und die wird teilweise untergraben. Der Deutsche Spendenmonitor zeigt aber auch, dass gemeinnützige Organisationen im Vergleich zu Parteien und Politiker_innen immer noch ein Vielfaches an Vertrauen in der Gesellschaft genießen. Es ist wichtig, dass Organisationen mit Haltung und Transparenz auf der Basis von Daten mit ihren Zielgruppen kommunizieren. Die Polarisierung bewirkt teilweise, dass bestehende Unterstützer_innen deutlich mehr spenden – im Sinne von „jetzt erst recht!“. Fundraising wird insgesamt anspruchsvoller, diverser und dialogorientierter.

Gleichzeitig werden vielen Organisationen die öffentlichen Mittel gekürzt. Was bedeutet es, wenn sie ihre Arbeit über private Mittel finanzieren müssen?

Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace oder Lobbycontrol sollten weiterhin vollständig auf staatliche Mittel verzichten und zeigen auch seit Jahrzehnten, dass das möglich ist. Andere Organisationen sollten (auch ohne Kürzungen!) ihre Einnahmen stärker diversifizieren: Ein passender, nachhaltiger Finanzierungs-Mix ist entscheidend. Privatspenden, Fördermitgliedschaften, Legate, Stiftungsförderungen und Kooperationen mit Unternehmen gewinnen an Bedeutung. Bei dieser Entwicklung brauchen Organisationen klare Leitlinien, um ihre Unabhängigkeit und Wertekanon zu sichern – dazu gibt es in der Branche viele Hilfestellungen.

Private Mittel können und sollen staatliche Förderung in vielen Bereichen nicht vollständig ersetzen, denn der Staat ist gut beraten, Förderungen stabil zu halten und Einsparungen eher durch Bürokratieentlastung zu erreichen. Für diese Verbesserungen haben wir gemeinsam mit Akteur_innen aus progressiven Verwaltungen konkrete, bereits erprobte Vorschläge vorgelegt, die einfach „nur“ großflächig umgesetzt werden müssten. Kürzungen bei der Förderung sind auch Kürzungen bei der Resilienz und Krisensicherheit unserer Gesellschaft.

Wie VENRO ist der Fundraising-Verband Mitglied im Bündnis für Gemeinnützigkeit, das sich für bestmögliche Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliches Engagements einsetzt. Wo sehen Sie die Chancen, den Trend der schrumpfenden Handlungsräume für die Zivilgesellschaft wieder umzukehren?

Im Bündnis für Gemeinnützigkeit sehen wir Chancen, aktiv gegenzusteuern:

  • durch die Einigung auf gemeinsame Haltung und Kommunikation von Selbstbewusstsein der Branche,
  • durch klare, konkrete Vorschläge an die Politik und Verwaltung,
  • durch einen starken und langen Atem im Einsatz für verlässliche Rahmenbedingungen und nicht zuletzt
  • durch stabile Allianzen, einen vertrauensvollen Transfer von Know-how und eine klare Anerkennung des Werts einer handlungsfähigen Zivilgesellschaft für unsere Demokratie.

Larissa Probst ist Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising Verbands. Der Verband stärkt die Kultur des Gebens und vertritt die Interessen der einzelnen Fundraiser_innen, der im Dritten Sektor tätigen gemeinnützigen Organisationen und der sie unterstützenden Dienstleister_innen. Er gehört dem Trägerkreis des Bündnisses für Gemeinnützigkeit an.

Die Inhalte auf dem VENRO-Blog geben Meinungen und Einschätzungen unserer Autor_innen wieder. Sie können von abgestimmten VENRO-Positionen abweichen.