Anica Heinlein und Carsten Montag bilden die neue Doppelspitze des VENRO-Vorstands. Auf der Mitgliederversammlung wurden sie für die kommenden zwei Jahre als Vorstandsvorsitzende gewählt. Im Interview sprechen sie über die Schwerpunkte ihrer Amtszeit und erläutern die zentrale Bedeutung entwicklungspolitischer und humanitärer Organisationen in einer globalen Ordnung, die von zunehmenden Krisen und Umbrüchen geprägt ist.
Die regelbasierte internationale Ordnung gerät zunehmend unter Druck. Machtpolitische, nationale Interessen gewinnen an Einfluss, während multilaterale Ansätze geschwächt werden. Welche Rolle können und müssen entwicklungspolitische und humanitäre Organisationen in dieser sich verändernden globalen Ordnung einnehmen?
Anica Heinlein: Gerade in einer Zeit, in der das internationale System zunehmend unter Druck steht und globale Krisen zunehmen, braucht es eine starke und handlungsfähige Zivilgesellschaft. Denn während betroffene Gemeinschaften die Hauptlast dieser Entwicklungen tragen, sind es zivilgesellschaftliche Akteur_innen, die gleichzeitig dafür sorgen, dass Schutz, Grundversorgung und langfristige Entwicklung überhaupt möglich bleiben – und damit zentrale Aufgaben demokratischer und internationaler Verantwortung wahrnehmen.
In vielen Krisenkontexten wie Gaza oder an der Front in der Ukraine bleiben humanitäre und durchaus auch entwicklungspolitische Akteur_innen oft als Letzte vor Ort und führen ihre partnerschaftliche Arbeit fort. Zivilgesellschaft tritt weltweit für globale Verantwortung ein, setzt Zeichen der Solidarität und stärkt langfristige Entwicklungsprozesse.
Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe wirken hier als Instrumente Hand in Hand: Während humanitäre Organisationen akute Not lindern, unterstützen Übergangshilfe und EZ den Aufbau belastbarer Strukturen, fördern Teilhabe, wirtschaftliche Perspektiven und lokale Kapazitäten. Gemeinsam tragen sie dazu bei, Gesellschaften resilienter zu machen, Konflikte einzudämmen und Gesprächskanäle offenzuhalten – selbst in hochdynamischen oder fragilen Kontexten.
Carsten Montag: Zur Wahrheit gehört leider auch, dass die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Organisationen zwar wächst, ihre Handlungsräume aber gleichzeitig schrumpfen. Massive Kürzungen, zunehmende Repressionen und diffamierende Narrative setzen zivilgesellschaftliche Akteur_innen stark unter Druck. Dennoch engagieren sich überall auf der Welt Menschen und Organisationen unbeirrt für Demokratie, Frieden und ganz praktisch für bessere Lebensbedingungen in ihrem Umfeld. Sie wirken in einer zunehmend unsicheren Welt als wichtige stabilisierende Kräfte und tragen dazu bei, dass die globalen Nachhaltigkeitsziele nicht aus dem Blick geraten.
Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) hat jüngst umfassende Reformpläne für die deutsche Entwicklungspolitik vorgelegt, zugleich plant das Auswärtige Amt eine Neuausrichtung der humanitären Hilfe. Wie bewerten Sie diese Vorhaben, und welche Chancen, aber auch Risiken sehen Sie darin?
Carsten Montag: Mit dem Reformplan „Zukunft zusammen global gestalten“ legt das BMZ seine Überlegungen vor, wie es sich in Zeiten tiefgreifender Umbrüche strategisch, fokussiert und partnerschaftlich ausrichten wird. Es ist richtig, dass das Ministerium in seiner Strategie die zentrale Rolle der Zivilgesellschaft betont. Wir freuen uns zudem, dass die entwicklungspolitische Bildungsarbeit weiterhin einen wichtigen Platz innehat. Auch an der feministischen Ausrichtung seiner Entwicklungspolitik will das Ministerium festhalten. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die am wenigsten entwickelten Länder sollen mehr Unterstützung erfahren. Das ist eine Forderung, auf die VENRO seit langem pocht.
Als Verband werden wir uns in die nun anstehende Umsetzung der Reform einbringen, und wir werden weiterhin als Dialogpartner dem Ministerium zur Verfügung stehen. Eine wirtschaftliche Zusammenarbeit darf nicht primär deutschen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen dienen. Das BMZ muss sich richtigerweise auf den Abbau globaler Ungerechtigkeiten, auf die Armutsbekämpfung und auf eine nachhaltige Entwicklung konzentrieren.
Anica Heinlein: Eines muss man den Umstrukturierungen im Auswärtigen Amt auf jeden Fall lassen – sie kamen als wirkliche Überraschung. Den Umbau der Strukturen beobachten wir mit Sorge: In diesen unsicheren Zeiten brauchen wir mit Deutschland als einem der größten Geber starke und gut funktionierende Strukturen, die über ausreichend Kapazitäten verfügen, um global mitgestalten zu können. Gleichzeitig müssen die Grundlagen der humanitären Hilfe – die humanitären Prinzipien –weiterhin uneingeschränkt hochgehalten werden: Es ist inakzeptabel, dass die humanitäre Hilfe stärker strategischen Interessen folgen soll – diese Politisierung auf Kosten von Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit ist nicht hinnehmbar.
Die Umstrukturierung bei gleichzeitig massiven Mittelkürzungen sendet in Zeiten humanitärer Eskalationen auch international ein problematisches Signal. Das Auswärtige Amt wird sich nun daran messen lassen müssen, dass die neuen Strukturen keine Abwertung der humanitären Hilfe bedeuten, sondern das erfüllen, was angekündigt wurde: einen Abbau von überflüssigen internen Schnittstellen und eine bessere Umsetzung der Mittel. Wir sind gespannt.
Sie übernehmen den Vorstandsvorsitz von VENRO in einer politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeit. Welche inhaltlichen Schwerpunkte haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt – und wo möchten Sie als Vorsitzende konkrete Akzente setzen?
Anica Heinlein: VENRO steht für die Gestaltung einer gerechteren Welt – für den Abbau sozialer Ungleichheit, die Überwindung von Armut und die Verwirklichung von Menschenrechten weltweit. Leider ist es mittlerweile auch in Deutschland notwendig, unseren Sektor gegenüber Angriffen und Diffamierungen von außen zu verteidigen und dem etwas entgegenzusetzen. Gleichzeitig werden in der sich rasant verändernden globalen Ordnung die Perspektiven derer, die von Armut, Ausgrenzung und Krisen betroffen sind, in der Politik und in multilateralen Prozessen immer weniger gehört. Das muss sich wieder ändern. Dafür brauchen wir auch neue Ansätze: sowohl mit Blick auf unsere beschlossenen Kernthemen als auch durch neue Allianzen – und durch ein entschlossenes Eintreten für den Wert unabhängiger Entwicklungszusammenarbeit, humanitärer Hilfe und entwicklungspolitischer Bildungsarbeit.
Carsten Montag: Der drohenden Instrumentalisierung der Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe werden wir uns mit den drei von unserer Mitgliederversammlung verabschiedeten strategischen Schwerpunkten entschieden entgegenstellen. Letztendlich werden auch alle Reformen der Bundesregierung nicht greifen, wenn am laufenden Band neue Kürzungen beschlossen werden. Die internationale Zusammenarbeit braucht eine ausreichende Finanzierung – national wie international. Sie muss das Wohl der Menschen in den Vordergrund stellen. Dafür werden wir uns aktiv einsetzen, ebenso wie für internationale Strukturen, die globale Gerechtigkeit ermöglichen und ihr nicht wie bislang so oft entgegenstehen. Wichtige Orientierung für die Weiterentwicklung des Verbandes geben uns die Beschlüsse auf der Mitgliederversammlung zur strategischen Fokussierung unserer Arbeit sowie die finanzielle Unterstützung unserer Arbeit durch die Anpassung der Mitgliedsbeiträge. Danke für Eure Wahl und das damit entgegengebrachte Vertrauen in alle Kolleg_innen im Vorstand.
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