Der AidWatch-Bericht 2026 zeigt: Europa fährt sein internationales Engagement mitten in einer historischen Krise zurück. Deutschland muss seine ODA-Ausgaben ehrlich bilanzieren und endlich diejenigen Leistungen stärken, die Menschen schützen und Zukunftsperspektiven schaffen.
Würde die Bundesregierung Autobahnen und zivile Studienplätze zu Verteidigungsausgaben erklären und anschließend bei Ausrüstung, Ausbildung und Einsatzbereitschaft kürzen, wäre der Widerspruch offensichtlich: Die Statistik sähe besser aus, die tatsächliche Verteidigungsfähigkeit nähme ab. Genau das geschieht bei den deutschen Entwicklungsleistungen. Sachfremde Ausgaben blähen die Quote für öffentlichen Entwicklungsleistungen (Official Development Assistance, ODA) auf, während bei Ernährungssicherung, Krisenbewältigung und humanitärer Hilfe gekürzt wird.
Der neue AidWatch-Bericht des europäischen Dachverbands entwicklungspolitischer Organisationen, CONCORD, legt offen, wie groß die Lücke zwischen den statistisch ausgewiesenen Leistungen und dem tatsächlichen entwicklungspolitischen Engagement geworden ist. Dem Report zufolge sind die ODA-Leistungen der Europäischen Union von 2024 auf 2025 um 11,2 Prozent zurückgegangen. Dabei gehört jeder fünfte Euro nicht einmal in die Statistik. Dieser Einbruch wird den aktuellen Bedarfen in keiner Weise gerecht: Die Welt erlebt die höchste Zahl an Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Menschen sind von Gewalt, Vertreibung, Hunger und den Folgen der Klimakrise betroffen.
Deutschland rechnet seine Leistungen größer, als sie sind
Für Deutschland fällt die Bilanz besonders ernüchternd aus. CONCORD bewertet 29 Prozent der deutschen ODA-Leistungen als sogenannte inflated aid – als „aufgeblähte Ausgaben“. Insgesamt macht das 2025 rund 7,2 Milliarden Euro aus. Diese Mittel stehen nicht für Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Hilfe in den Partnerländern zur Verfügung und entfalten nur wenig entwicklungspolitische Wirkung. Dazu zählen beispielsweise Ausgaben für die Versorgung von Geflüchteten in Deutschland und Studienplatzkosten für Studierende aus sogenannten Entwicklungsländern (darunter auch China). Die Unterstützung geflüchteter Menschen und ein offener Hochschulzugang sind wichtige staatliche Aufgaben. Aber sie werden nicht dadurch zu Entwicklungszusammenarbeit, dass sie in der ODA-Statistik auftauchen. Wer solche Ausgaben einrechnet, vermittelt ein falsches Bild davon, wie viel Deutschland tatsächlich für nachhaltige Entwicklung und humanitäre Hilfe bereitstellt.
Ohne die von CONCORD als „aufgebläht“ bewerteten Ausgaben läge die deutsche ODA-Quote nur noch bei etwa 0,4 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Damit ist sie weit entfernt von dem international vereinbarten Ziel von mindestens 0,7 Prozent. Trotzdem hat die Regierungskoalition angekündigt, die ODA-Quote „angemessen“ abzusenken. Sie erklärt die deutschen Entwicklungsleistungen damit einerseits für zu hoch und rechnet deren statistischen Wert andererseits mit entwicklungspolitisch zweifelhaften Ausgaben hoch.
Gekürzt wird ausgerechnet bei den wirksamsten Mitteln
Besonders problematisch ist, wo die Bundesregierung den Rotstift ansetzt. Die Mittel des Bundesentwicklungsministeriums sowie die Gelder des Auswärtigen Amts für humanitäre Hilfe, Krisenprävention und Krisenbewältigung gehören zum Kern des deutschen internationalen Engagements. Damit werden unter anderem Maßnahmen zur Ernährungssicherung, Gesundheitsversorgung, zur Bewältigung akuter Notlagen und zur Schaffung langfristiger Zukunftsperspektiven finanziert.
Genau diese Leistungen geraten unter Druck. Das ist politisch kurzsichtig. Wer heute bei Ernährungssicherung, ziviler Krisenbewältigung und humanitärer Hilfe spart, nimmt morgen mehr Hunger, Instabilität und menschliches Leid in Kauf.
Eine ehrliche Bilanzierung allein reicht aber nicht aus. Deutschland und Europa müssen die Mittel aufstocken, die nachweislich bei den Menschen ankommen.
Es fehlt weniger als ein Prozent der weltweiten Militärausgaben
Wie dramatisch die Schieflage ist, zeigt der globale Bedarf an Mitteln zur Bewältigung humanitärer Krisen. Das UN-Nothilfebüro OCHA benötigt 2026 noch rund 23 Milliarden US-Dollar, um 87 Millionen besonders gefährdete Menschen mit lebensrettender Hilfe zu erreichen. Das klingt nach einer gewaltigen Summe. Gemessen an den weltweiten Militärausgaben ist sie jedoch erschreckend gering: Sie entspricht weniger als einem Prozent der zuletzt ausgewiesenen globalen Militärausgaben von rund 2,7 Billionen US-Dollar.
Diese Gegenüberstellung soll Sicherheits- und Entwicklungspolitik nicht gegeneinander ausspielen. Aber sie macht sichtbar, welche Prioritäten die internationale Gemeinschaft setzt. Sicherheit entsteht nicht allein durch militärische Stärke. Sie braucht ebenso Ernährungssicherheit, funktionierende Gesundheitssysteme, zivile Konfliktbearbeitung, widerstandsfähige Gesellschaften und die Gewissheit, auch in einer Katastrophe nicht alleingelassen zu werden.
Eine Frage des politischen Mutes
Menschenleben zu retten und in gemeinsame Zukunftsperspektiven zu investieren, braucht politische Unterstützung. Es braucht auch den Mut der Regierungsparteien, diese Notwendigkeit gegenüber denjenigen zu verteidigen, die Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe als Steuergeldverschwendung diffamieren.
Entwicklungszusammenarbeit ist kein Luxus, auf den in schwierigen Zeiten gut verzichtet werden kann. Humanitäre Hilfe ist kein großzügiges Almosen. Beide sind Ausdruck internationaler Verantwortung und Investitionen in eine gerechtere, stabilere und friedlichere Welt. Sie schützen Menschenleben, stärken gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten und helfen dabei, Krisen zu bewältigen, bevor sie sich weiter verschärfen.
Deutschland und Europa dürfen ihr internationales Engagement nicht weiter schönrechnen und anschließend bei den wichtigsten Instrumenten kürzen. Sie müssen ehrlich ausweisen, was tatsächlich bei den Menschen ankommt – und wieder mehr in das investieren, was bessere Zukunftsperspektiven eröffnet. In den aktuellen Verhandlungen um den Bundeshaushalt 2027 und um den mittelfristigen Finanzrahmen der EU können dafür wichtige Weichen gestellt werden.
Den AidWatch-Bericht von CONCORD können Sie hier abrufen.
Lukas Goltermann arbeitet bei VENRO als Referent im Bereich Stärkung der Zivilgesellschaft.
| Lukas Goltermann | VENRO |
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