Politik

25 Jahre VENRO: „International ziemlich einzigartig“

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Im Jahr 1995 schlossen sich 57 Nichtregierungsorganisationen in Königswinter als VENRO zusammen. Zum Jubiläum gibt unser damaliger erster Vorsitzender Prof. Dr. Peter Molt interessante Details von der Verbandsgründung preis und bewertet die Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre.

Prof. Dr. Molt, wir gratulieren Ihnen herzlich zum 25. Jubiläum von VENRO. Sie haben den Dachverband 1995 mitbegründet und waren die ersten vier Jahre dessen Vorsitzender. Haben sich die Erwartungen erfüllt, die Sie damals an die Gründung von VENRO knüpften?

Die Nichtregierungsorganisationen, die sich 1995 zu VENRO zusammengeschlossen haben, hatten zuvor Netzwerken angehört, die sehr unterschiedliche Ansichten zur Arbeit in den Entwicklungsländern und zur humanitären Hilfe hatten. Entsprechend vielfältig waren die Erwartungen, die an den neuen Verband geknüpft wurden. Ein intensiver Meinungs- und Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern war deshalb vordringlich, wofür sich die Gliederung in Arbeitsgemeinschaften anbot.

Zweifellos war dieser Ansatz für das Zusammenwachsen und zur Meinungsbildung im Verband erfolgreich. Organisationen, die zunächst skeptisch waren und zögerten beizutreten, korrigierten dies relativ rasch, einige passten sich auch ausdrücklich den im Verband erarbeiteten Verhaltenskodizes an. Über die Mitgliedschaft in Landesnetzwerken gelang auch die Beteiligung kleinerer oder lokaler Organisationen. VENRO ist heute eine repräsentative und inklusive Organisation der Zivilgesellschaft für die Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, die in der Lage ist, zu den vielen und komplexen Entwicklungen und Fragen in Positionspapieren qualifiziert und unabhängig Stellung zu nehmen. Dafür diente auch der bei der Gründung beschlossene und bis heute durchgehaltene Grundsatz, die Kernarbeit der Organisation aus Mitgliedsbeiträgen zu finanzieren.

Die Erwartung, bei Bundesregierung, Bundestag, Verwaltung und staatlichen Durchführungsorganisation für Grundsätze, Inhalte und Strategien der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe mehr Gehör zu finden, erfüllte sich dagegen nur zum Teil. Zwar leisteten VENRO und seine Mitgliedsorganisationen nach wie vor einen zunehmend wichtigeren Beitrag für die Öffentlichkeitsarbeit und damit für die Akzeptanz der internationalen Hilfe, aber es ist für sie schwieriger geworden, für eigenständige Ansätze und Methoden ihrer Arbeit vor Ort die erforderliche Unterstützung zu erhalten.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal von VENRO?

Das solidarische Zusammenwirken von sehr großen bis sehr kleinen Organisationen, von denen einige sehr spezifische Ansätze haben, andere sehr breit aufgestellt sind. Dass ein so heterogener Verband so eng zusammenwachsen und einvernehmlich über zweieinhalb Jahrzehnte in einem sehr komplexen Tätigkeitsfeld wirken kann, ist international ziemlich einzigartig.

Inwiefern hat sich die Rolle der Nichtregierungsorganisationen in der Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe in den letzten 25 Jahren verändert?

Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe haben sich sowohl inhaltlich als auch finanziell erheblich erweitert. Zur Zeit der Gründung von VENRO wurde der Beitrag der Nichtregierungsorganisationen in der öffentlichen Meinung und bei den staatlichen und internationalen Organisationen als wichtiges inhaltliches Element zur Lösung der Herausforderungen in den Entwicklungsländern gesehen – Nichtregierungsorganisationen galten als „stakeholders for development“. Das bezog sich auch auf den anfangs nachdrücklich vertretenen Grundsatz, dass der Beitrag der Nichtregierungsorganisationen sich vor allem durch eine aktive Beteiligung der betroffenen Menschen am Entwicklungsprozess als Voraussetzung für die Überwindung der Massenarmut auszeichne und entsprechend gefördert werden sollte.

Heute vollzieht sich Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe sowohl bei den Empfängern als auch bei den Gebern immer mehr im staatlichen Rahmen bzw. unter vom Staat verfügten Formen und Vorschriften. Die Nichtregierungsorganisationen müssen heute in diesem Prozess für eine ihrem Potential angemessene Beteiligung kämpfen. Sie sind – das ist zumindest mein Eindruck – bei der Arbeit vor Ort abhängiger von den staatlichen Institutionen sowohl der Geber als auch der Empfänger geworden. Es ist besonders problematisch, dass die solidarischen Nichtregierungsorganisationen in ihrer Arbeit immer mehr von autoritären Regimen behindert werden. Das sollten sie nicht hinnehmen, zumal andererseits ihr Gewicht in der entwicklungspolitischen Bildungs- und auch Öffentlichkeitsarbeit – aber auch für die weltweiten Debatten und Meinungsbildung – erheblich gewachsen ist.

Was sind die großen Herausforderungen, denen sich VENRO mit Blick in die Zukunft annehmen sollte?

Im Kampf für ein besseres Leben der Armen im Frieden, für die Verbesserung ihrer Rechte und die Beteiligung am technischen und materiellen Fortschritt müssen weitere Fortschritte erzielt werden. Sie dürfen den großen globalen Zielen der Bekämpfung des Klimawandels und einer friedlichen und den Menschenrechten entsprechenden Weltordnung nicht untergeordnet, sondern müssen in diese eingeordnet werden. Dafür sollten sich Verbände wie VENRO ohne Abstriche einsetzen.

Kommen Sie zur Jubiläumsfeier nach Berlin?

Das habe ich vor.