Agenda 2030, Hunger

HLPF 2017: So wird der Hunger nicht überwunden

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Auf dem High-level Political Forum in New York diskutieren die UN-Mitgliedsstaaten aktuell über den Stand der Agenda 2030, darunter auch über Fortschritte bei der Hungerbekämpfung. Wie steht es um das Ziel Zero Hunger?

Vom 10. bis 19. Juli trifft sich das Hochranginge Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung (High-level Political Forum, HLPF) unter dem Motto „Armut überwinden und Wohlstand fördern in einer Welt im Wandel“, um Fortschritte bei der Umsetzung der Agenda 2030 zu diskutieren. Am heutigen 11. Juli steht neben dem Sustainable Development Goal (SDG)1 (Armut) auch das SDG2 (Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern) auf der Tagesordnung. Insgesamt 44 Regierungen stellen in New York ihren nationalen Umsetzungsbericht vor.

In die falsche Richtung

Die vergangenen Monate mögen die Zweifel, ob das Ziel, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu überwinden, erreicht werden kann, noch einmal verstärkt haben. 2017 riefen die Vereinten Nationen (UN) erstmals nach sechs Jahren wieder eine Hungersnot aus. Der Südsudan, der Jemen, Somalia und der Nordosten Kenias erlebt seit Monaten eine der schlimmsten Hungerkrisen der vergangenen Jahrzehnte. Zwanzig Millionen Menschen, darunter 1,4 Millionen Kinder, sind akut vom Verhungern bedroht. Graciano da Silva, Direktor der UN-Welternährungsorganisation (FAO), deutete bereits an, dass seine Organisation in diesem Jahr wohl eine Zunahme der Zahl hungernder Menschen – im vergangenen Jahr fast 800 Millionen – verkünden müsse. Ein fatales Signal.

Erstaunlicherweise wird die Hungerkrise im Fortschrittsbericht des UN-Generalsekretärs zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsagenda nicht einmal erwähnt. Kapituliert die internationale Gemeinschaft angesichts der vielen Baustellen? Dabei bedarf es des Engagements auf höchster Ebene, damit die Humanitäre Hilfe für die von Hunger bedrohte Bevölkerung schnellstens massiv aufgestockt wird. Bisher haben die UN-Mitgliedsstaaten erst ein Drittel der benötigten Mittel bereitgestellt.

Ohne Investitionen in die ländliche Entwicklung wird der Hunger nicht überwunden

Der akuten Nothilfe müssen längerfristige Maßnahmen folgen, die die ländlichen Räume und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern sowie Frühwarnmechanismen und soziale Sicherungssysteme schaffen, um die Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber Krisen zu stärken. Hier braucht es die Entschlossenheit der betroffenen Länder und die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Der nüchterne Bericht des UN-Generalsekretärs zeigt auf, dass sowohl die Haushaltsmittel, die Regierungen in die Landwirtschaft investieren, weiter abnehmen, als auch der Förderanteil für Landwirtschaft an der gesamten öffentlichen Entwicklungshilfe zurückgeht. Dabei leben über 70 Prozent der Hungernden in armen, ländlichen Regionen; ihr Überleben hängt weitgehend von der Landwirtschaft ab!

Die Fortschritte bei der Hungerbekämpfung sind nicht nur in den Ländern zu langsam, in denen bewaffnete Konflikte die Lebensgrundlagen der Menschen zerstören. Auch Länder, die als politisch stabil gelten und sogar weltweit die höchsten Wachstumsraten verzeichnen, werden das Zero Hunger-Ziel verfehlen, wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt. Ein Beispiel dafür ist Indien. Das Land ist der zweitgrößte Nahrungsmittelproduzent der Welt, doch noch immer lebt hier die weltweit zweithöchste Zahl unterernährter Menschen.

Die indische Regierung wird dieses Jahr in New York über ihre Strategie zur Umsetzung der Agenda 2030 berichten. Das indische Netzwerk Wada Na Todo (Don’t break Promises), ein Partner der Welthungerhilfe, stellt den Schattenbericht der Zivilgesellschaft auf einer Nebenveranstaltung vor. Darin erkennt die indische Zivilgesellschaft zwar Anstrengungen der Regierung zur Reduzierung von Armut und Unterernährung an, weist aber auf die starke Ungleichheit zwischen städtischen und ländlichen Räumen hin. Die indische Regierung hat in den vergangenen Jahren vor allem die städtischen Räume entwickelt und in den Industrie- und Dienstleistungssektor investiert – zugunsten der wirtschaftlichen Eliten. Die ländlichen Regionen bleiben abgehängt – und hier lebt der Großteil der Armen: Kleinbauernfamilien, LandarbeiterInnen und indigene Gruppen.

Wie ernst nimmt Deutschland Zero Hunger?

Bei den diesjährigen Gipfeltreffen der G7 und G20-Staaten haben die Regierungen ihre Chance verpasst, die Weichen in Richtung Zero Hunger zu stellen. Es ist zwar positiv zu werten, dass die US-Regierung endlich lange überfällige Mittel für die Hungerkrisen zugesagt hat. Auch das Bekenntnis von wenigstens 18 der 20 teilnehmenden Regierungen zum Pariser Klimaabkommen muss wohl schon als Erfolg gewertet werden. Zweifelhaft ist aber, ob die von der deutschen G20-Präsidentschaft vorangetriebene Compact with Africa-Initiative positive Veränderungen für die Menschen bringen wird, die am stärksten von Hunger und Armut betroffen sind. Private Investitionen sollen nun Afrikas Wirtschaft nach vorne bringen. Partner der Initiative sind Vorzeigeländer wie Ghana und autokratische Regierungen wie die Äthiopiens, wo Menschenrechte – gerade auch im Zusammenhang mit Investitionsvorhaben – massiv verletzt werden. Die fragilen Staaten Afrikas, in denen der Hunger am größten ist, werden von diesen Partnerschaften nicht profitieren. Wie ernst die Regierungen die Verpflichtung zur Überwindung des Hungers nehmen und dazu, niemanden zurückzulassen, zeigt sich aber vor allem im Regierungsalltag. Auch die Bundesregierung muss sich fragen lassen, warum sie weiterhin Waffen an Kriegsparteien liefert oder den Kohleausstieg verschleppt – wissend, dass bewaffnete Konflikte und der Klimawandel zu den größten Hindernissen auf dem Weg zu Zero Hunger zählen.


Einen weiteren Blogbeitrag über die Inhalte und Ergebnisse des letztjährigen HLPF finden Sie hier.