VENRO hat der zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe in Deutschland in den letzten 30 Jahren eine starke Stimme gegeben. Zum 30-jährigen Jubiläum blickt Dr. Peter Molt, Mitbegründer des Verbands und die ersten vier Jahre dessen Vorsitzender, auf die Gründungszeit zurück und erläutert, welche Rolle VENRO in Zukunft stärker ausfüllen muss.
Herr Molt, wenn Sie auf drei Jahrzehnte VENRO zurückblicken: Welche Entwicklung des Verbands erscheint Ihnen heute besonders bedeutsam?
Die wichtigste Errungenschaft ist, dass VENRO zu einem verlässlichen und anerkannten Gesprächspartner des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) und der politischen Institutionen geworden ist. Das gab es vorher nicht. Zwar hatten die kirchlichen Hilfswerke, die Welthungerhilfe und einige andere Organisationen einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit dem BMZ, aber ein institutionalisierter Kontakt fehlte.
Mit VENRO entstand erstmals ein Verband, der die großen nichtstaatlichen Entwicklungsorganisationen bündelt und ihre Perspektiven in die politische Debatte einbringt. Innerhalb weniger Monate nach der Gründung zählte der Verband rund 100 Mitglieder – ein deutliches Zeichen für das große Bedürfnis nach einer gemeinsamen Interessenvertretung.
Was waren damals die wesentlichen Gründe für die Entstehung von VENRO, und welche Weichenstellungen haben die ersten Jahre geprägt?
Nach der Wiedervereinigung befand sich die Entwicklungszusammenarbeit in einer Art Zeitenwende. Das BMZ entwickelte neue Strategien, die stärker auf Armutsbekämpfung, soziale Entwicklung und die Einbeziehung lokaler Bevölkerungsgruppen setzten – weg von einer vorwiegend technischen Entwicklungslogik.
Für diesen Kurswechsel gab es jedoch keinen passenden zivilgesellschaftlichen Gesprächspartner. Die existierenden Institutionen waren zu technisch ausgerichtet oder organisatorisch fragmentiert.
NRO spielten hingegen eine zentrale Rolle, weil sie engen Kontakt zu lokalen Gemeinschaften im Globalen Süden hatten und partizipative Ansätze voranbrachten. Zahlreiche Beispiele – etwa aus Programmen im Niger – zeigten, dass nachhaltige Wirkung entsteht, wenn Dorfgemeinschaften selbst Verantwortung übernehmen und Organisationen nur unterstützend eingreifen. VENRO brachte diese praktischen Erfahrungen gebündelt in die politische Diskussion ein und trug damit wesentlich zur strategischen Neuausrichtung des BMZ bei.
Mit Blick auf die aktuellen globalen Herausforderungen: Welche Rolle wird VENRO in Zukunft stärker ausfüllen müssen?
Die internationale Lage hat sich stark verändert. Zahlreiche Konflikte – unter anderem in der Ukraine, im Nahen Osten, in Teilen Afrikas und im Jemen – erschweren Entwicklungsfortschritte und führen dazu, dass humanitäre Hilfe wieder stärker in den Vordergrund rückt. Viele traditionelle Entwicklungsprogramme geraten dadurch unter Druck.
Gerade in dieser Situation braucht es eine starke, geeinte Stimme der Zivilgesellschaft, die sich für Armutslinderung, Menschenrechte, humanitäre Prinzipien und langfristige Entwicklungsziele einsetzt. VENRO übernimmt hier eine Schlüsselrolle: als politischer Impulsgeber, als Vertreter seiner Mitgliedsorganisationen und als Vermittler zwischen praktischen Erfahrungen internationaler Projekte und der deutschen Politik.
Auch künftig wird es entscheidend sein, dass VENRO die Interessen der NRO bündelt und gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertritt – damit nachhaltige Entwicklung trotz globaler Krisen nicht aus dem Blick gerät.
Dr. Peter Molt war Mitbegründer und der erste Vorsitzende von VENRO sowie Hauptgeschäftsführer und Vorsitzender von CARE Deutschland. Daneben war er viele Jahre als Honorarprofessor an der Universität in Trier tätig. Für seine jahrzehntelange ehrenamtliche Tätigkeit in entwicklungspolitischen Institutionen erhielt er 2004 das Bundesverdienstkreuz.
| Interview |
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