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Acht Dinge, auf die wir bei entwicklungspolitischen Auslandsprojekten achten sollten

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Was macht entwicklungspolitische Projekte erfolgreich? Um auf diese Frage eine gemeinsame Antwort zu finden, haben die VENRO-Mitgliedsorganisationen auf der Mitgliederversammlung 2018 acht Leitlinien verabschiedet, an denen sie ihre Arbeit künftig ausrichten wollen.

Die VENRO-Leitlinien für entwicklungspolitische Projekt- und Programmarbeit wurden gemeinsam von unseren Mitgliedsorganisationen erarbeitet und beschreiben ihr Qualitätsverständnis im Hinblick auf entwicklungspolitische Auslandsprojekte. Angelehnt an die 2010 von der internationalen Zivilgesellschaft verabschiedeten Istanbul-Prinzipien, ergänzen die Leitlinien unsere Grundprinzipien guter NRO-Arbeit.

Jede Leitlinie offenbart dabei eine neue Perspektive – somit sind die Leitlinien wie acht verschiedene Brillen zu verstehen, mit denen wir unsere Arbeit ansehen und reflektieren können.

Die acht Leitlinien im Einzelnen:

1. Menschenrechte

Nichtregierungsorganisationen (NRO) leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie Strategien, Aktivitäten und Praktiken entwickeln, die die individuellen und kollektiven Menschenrechte sowie soziale Gerechtigkeit fördern und die menschenrechtlichen Prinzipien bei der Umsetzung berücksichtigen.

Zentral für die NRO-Arbeit ist der Menschenrechtsansatz: Alle Menschen sind Träger_innen von Rechten. Der Staat steht dagegen in der Pflicht diese Rechte zu gewährleisten. Leave no one behind ist dabei ein Leitprinzip. Alle Menschen sollten dazu befähigt werden, ihre Rechte einfordern zu können. Der Staat muss in die Verantwortung gezogen werden. Dies kann durch geeignete Lobby- und Advocacyarbeit sowie Kapazitätsentwicklung gelingen. Unsere Projektarbeit kann hier einen konstruktiven Beitrag leisten. Durch menschenrechtsbasierte Projektansätze ist es möglich, benachteiligte Gruppen darin zu stärken, den Zugang zu ihren Rechten zu verbessern und das Einfordern von Rechten gegenüber den Pflichtentragenden zu ermöglichen. Andererseits können staatliche Akteur_innen durch Kapazitätsentwicklung befähigt werden, ihre Pflichten vermehrt zu gewährleisten.

2. Geschlechtergerechtigkeit

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie Geschlechtergerechtigkeit praktizieren und fördern, den Anliegen und Erfahrungen von Frauen, Mädchen und Personen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert werden, Rechnung tragen und sie darin unterstützen, ihre individuellen und kollektiven Rechte zu verwirklichen, indem sie als selbstbewusste Akteur_innen Entwicklungsprozesse mitgestalten.

Es gibt unterschiedliche Arten, wie wir Gender in unserer Arbeit beachten – ob als Ziel unserer Arbeit in einem Frauenförderungsprojekt oder als Querschnittsthema. Der Gender-Ansatz ist ein Menschenrechtsansatz und lebt von inklusiver Teilhabe, Transparenz und einer Veränderung der Machtverhältnisse. Das heißt zum Beispiel, dass wir bei Projekten, die auf Geschlechtergerechtigkeit ausgerichtete sind, mit Widerständen von denen rechnen müssen, die durch die Projekte an Macht verlieren. Diese Auswirkungen sollten beispielsweise in der Programmplanung berücksichtigt werden. Eine Analyse der Geschlechterverhältnisse ist dabei natürlich zentral.

3. Empowerment und inklusive Teilhabe

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie das Empowerment und die inklusive Teilhabe, insbesondere armer und marginalisierter Menschen, unterstützen, um deren demokratische Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme in Politik und Entwicklungsinitiativen, die ihr Leben betreffen, zu stärken.

Zentral ist beim Empowerment das Prinzip der Selbstermächtigung. Menschen können sich selbst helfen und tun dies meistens auch schon bevor wir mit ihnen zusammen arbeiten. Die Arbeit an einer Verbesserung der Lebensbedingungen beginnt nicht erst mit dem Beginn eines Entwicklungsprojekts. Wie zahlreiche Beispiele belegen, sind die lokalen Anstrengungen meist der wertvollste Ausgangspunkt für ein neues Projekt: Was tun die Menschen also schon, um ihr Leben zu verbessern und wie können wir sie darin unterstützen? Empowerment-Prozesse bringen zwangsläufig mit sich, dass konsequent nach anders gestalteten Rollen und Dynamiken gesucht wird. Zentral ist dabei die Frage, wer Verantwortung und Macht – und damit letztlich die Entscheidungsgewalt über Entwicklungsprozesse – innehat. Bei dieser Leitlinie geht es darum, die eigene Haltung und das eigene Handeln konstant kritisch zu reflektieren. Die Lösungen liegen in den Menschen selbst. Jede und jeder kann denken, planen, handeln – und tut es auch. Die Herausforderung besteht also darin, Menschen zu unterstützen, ihr eigenes Potenzial und das ihrer Gemeinschaften zu erkennen und freizusetzen. NRO gestalten dabei wertschätzende Beziehungen partnerschaftlich und setzen einen Fokus auf lokale Ressourcen und Potenziale. Die kritische Selbstreflexion unserer eigenen Arbeit ist essentiell und kostet dennoch Kraft und Ehrlichkeit. Ungemütliche Fragen gehören dazu.

4. Ökologisches Handeln

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie Vorgehensweisen entwickeln und umsetzen, die die ökologische Nachhaltigkeit für heutige und künftige Generationen fördern. Dazu zählen sofortige und nachhaltige Antworten auf die Klimakrise.

Auf Umwelt- und Klimaschutz können wir nicht verzichten, wenn wir humanitäre Krisen verhindern und die Ziele nachhaltiger Entwicklung verwirklichen möchten. Auf den Klimawandel eine Antwort zu finden, ist von existenzieller Bedeutung für viele Menschen, auch und insbesondere im Globalen Süden. Denn arme und vulnerable Gruppen – und davon anteilig mehr Frauen als Männer – sind besonders von den Konsequenzen des Klimawandels betroffen. Wir haben als Gesellschaften die Aufgabe, genügend Resilienz für die Klimaproblematik von morgen zu schaffen. Dies beschäftigt uns auch in unserer Projektarbeit – ob als Querschnittsthema, als zentrales Ziel der Projektarbeit oder wenn es darum geht, die schädlichen Folgen einer ökologisch nicht nachhaltigen Entwicklung für die ärmsten Menschen vorzubeugen oder sie zu mindern.

5. Transparenz, Rechenschaft und Integrität

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie sich verbindlich zu Transparenz verpflichten, Rechenschaft gegenüber den Zielgruppen und anderen Anspruchsgruppen ablegen und ihr Handeln integer gestalten.

Gelebte Transparenzkultur gewährleistet langfristig das Vertrauen der Partner und Zielgruppen sowie der Öffentlichkeit in die Arbeit und Leistungsfähigkeit der Organisationen. Rechenschaft im Sinne des englischsprachigen Begriffs Accountability to Affected People, insbesondere zwischen Nord- und Süd-Partnern und gegenüber Zielgruppen, erhöht die Qualität und Wirksamkeit unserer Arbeit. Wir wirken Machtmissbrauch und Korruption durch entsprechende Beschwerdemechanismen sowie Regelungen und Kodizes, wie beispielsweise dem VENRO-Verhaltenskodex, entgegen. Für die Umsetzung von Transparenz und Rechenschaft wie auch Integrität in der Projektarbeit sind sowohl der fördernde Partner als auch die durchführende Organisationen verantwortlich.

6. Gleichberechtigte Partnerschaften

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie gleichberechtigte Kooperationen zu anderen NRO und Entwicklungsakteur_innen pflegen – basierend auf gemeinsamen Entwicklungszielen und -werten. Dazu gehören gegenseitiger Respekt, institutionelle Unabhängigkeit, langfristige Partnerschaften und gegenseitige Solidarität.

Als Partnerschaft in diesem Sinne gilt eine Beziehung, in der alle Beteiligten vereinbart haben, miteinander zu kooperieren, um ihre gemeinsamen Interessen voranzubringen und im Speziellen ihre Entwicklungsziele zu erreichen. Partnerschaften zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren sind meist von persönlichen Beziehungen getragen – vom gemeinsamen Austausch und von Dialogprozessen, in denen persönliche Haltungen und Einstellungen die Qualität der Partnerschaft maßgeblich mitbestimmen. Partnerschaftliche Arbeit, die auf Respekt und Vertrauen beruht, ist dabei besonders wichtig. Eine offene Kommunikation auf Augenhöhe ist in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit essentiell.

Wir sollten uns in einer entwicklungspolitischen Partnerschaft regelmäßig die Frage stellen, wie wir das strukturelle Machtgefälle zwischen Nord- und Südpartnern verändern können. Dabei steht der Nord-Partner durch seine zumeist fördernde Rolle mehr in der Pflicht.

7. Wissen teilen

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie Wissensaustausch und Lernen aus eigenen Erfahrungen sowie aus Erfahrungen der Zielgruppen und anderer Akteur_innen fördern.

Ein hilfreiches Instrument für die Organisations- und Projektpraxis ist in diesem Zusammenhang ein explizites, mit Ressourcen unterlegtes Wissensmanagement. Einer der Ansätze ist das sogenannte Erfahrungslernen: Wissen ist immer von der Praxis, der Anwendung und dem ganz speziellen persönlichen Kontext abhängig. Erfahrungslernen ist der Prozess, in dessen Verlauf individuelle oder institutionelle Erfahrungen in teilbares Wissen übertragen werden. Menschen tragen Erfahrungen und somit Handlungswissen in sich – also das Wissen darüber, wie sie in bestimmten Situationen agieren. Oft bleibt dieses Handlungswissen verborgen. Es kann zu wichtigen Verbesserungen in der Praxis führen, dieses Handlungswissen offenzulegen, es zu dokumentieren und daraus zu lernen, indem es mit verschiedenen Akteur_innen geteilt wird.

8. Positive dauerhafte Wirkungen

NRO leisten wirksame entwicklungspolitische Projektarbeit, wenn sie zusammenarbeiten, um dauerhafte positive Wirkungen zu erreichen – insbesondere bei Menschen in Armut und marginalisierten Gruppen – und dabei die Bedingungen für die Dauerhaftigkeit der positiven Wirkungen im Blick behalten.

Dauerhafte positive Wirkungen können auf unterschiedlichen Ebenen erreicht werden: im Leben der Zielgruppe und in ihrem Umfeld oder im gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen System.

Ein Zusammenspiel von Faktoren begünstigt die Erreichung von dauerhaften positiven Wirkungen. Wichtig ist dabei zum Beispiel wirkungsorientiertes Arbeiten: Es beinhaltet nicht nur die Wirkungsmessung, sondern auch die Arbeitsweise und -haltung einer Organisation. Wirkungsorientierung umfasst sowohl die wirkungsbezogene Planung, Beobachtung und Auswertung als auch das Lernen aus Wirkungsanalysen und Evaluierungen.

Zentral ist es ebenso zu verstehen, welche Bereitschaft, Kapazitäten und Motivationen für Veränderungen bei der Zielgruppe vorhanden sind. Ohne Kontextverständnis erreichen wir also auch keine Wirkung. Ein multisektoraler Ansatz zeigt sich als ebenso förderlich, um positive Wirkungen zu erreichen: NRO können ihre Projekte in den politischen und gesellschaftlichen Kontext einbetten und in Bündnissen mit anderen Akteuren zusammenarbeiten. Zeit ist ein weiterer Faktor, der dauerhafte positive Wirkungen befördern kann. Die Erfahrung unserer Mitgliedsorganisationen zeigt: Wirkungen brauchen Zeit – das bedeutet im Projektkontext, in möglichst langfristigen Partnerschaften zu denken.

Fazit

Die acht Leitlinien können uns helfen, unsere Projektarbeit wirksam zu gestalten. Die Mitgliedsorganisationen haben für die Umsetzung dieser Leitlinien eine Orientierungshilfe entwickelt, die in Kürze veröffentlicht wird. Sie soll Antworten auf die Fragen bieten, wie wir die acht Leitlinien umsetzen können, um die Arbeit der eigenen Organisation auf kritisch-konstruktive Weise zu reflektieren.

Darüber hinaus unterstützt VENRO seine Mitglieder bei der Umsetzung der Leitlinien mit Fortbildungsangeboten und Publikationen.


Dieser Text beinhaltet Auszüge aus der o.g. Orientierungshilfe für unsere Leitlinien, die in Kürze veröffentlicht wird.